Prof. Eiholzer, das Wachstum ist bei jedem Kind individuell verschieden. Wann gilt ein Wachstumsverlauf als auffällig?

Ganz allgemein gilt ein Wachstumsverlauf bei einem Kind als auffällig, wenn es aus den Perzentilen fällt. Das heisst, wenn sich die Körpergrösse eines Kindes unterhalb der 3. Perzentile oder oberhalb der 97. Perzentile befindet. Gleiches gilt, wenn das Kind den Perzentilenkanal wechselt. Als Beispiel nehmen wir einen Knaben, der mit zwei Jahren auf der 50. Perzentile wächst. Bis ins Alter von zwölf Jahren sollte sein Wachstum nun immer im Bereich der 50. Perzentile, seines ererbten Perzentilenkanals, bleiben.

Das rechtzeitige Erkennen einer Störung kann für die künftige Entwicklung entscheidend sein.

Das heisst, die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sind wichtig, um genau solche auffälligen Wachstumsverläufe zu erkennen.

So ist es. Das Wachstum gibt Auskunft über den Gesundheitszustand des Kindes. Zwar gibt es nur in seltenen Fällen Normabweichungen, die ernste Ursachen haben, jedoch müssen genau diese rechtzeitig erkannt werden.

Deshalb sollten die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt unbedingt wahrgenommen werden. Wichtig ist aber auch, dass die Kinderärzte auf mögliche Auffälligkeiten sensibilisiert sind und im Zweifelsfall an einen Spezialisten überweisen. Das rechtzeitige Erkennen einer Störung kann für die künftige Entwicklung entscheidend sein.

Welches sind denn die häufigsten Ursachen für eine eher kleine Körpergrösse?

Ein häufiger Grund für ein vermindertes Wachstum ist die genetische Veranlagung. Wir machen uns deshalb als Erstes ein Bild vom Wachstumsmuster der Familie. Misst die Mutter zum Beispiel 1,50 Meter und der Vater 1,60 Meter, ist die zu erwartende Endgrösse des Kindes folglich auch eher klein.

Wenn dieses Kind nun entlang oder sogar unter der 3. Perzentile wächst, ist das kein Grund zur Beunruhigung. Ist der Vater aber 1,80 Meter und die Mutter 1,70 Meter gross, und ihr Kind wächst auf der 3. Perzentile, sollte das abgeklärt werden.

Welche Krankheiten können ein auffälliges Wachstum zur Folge haben?

Die Ursachen können chronische Krankheiten wie zum Beispiel eine Niereninsuffizienz, Schilddrüsenfehlfunktionen oder Asthma sein. Ein Krankheitsbild, welches wir in der Praxis verhältnismässig häufig antreffen, ist die chronische Darmkrankheit Zöliakie. Die Wachstumsverzögerung kann dabei ein erstes und manchmal auch einziges Symptom sein.

Das Wachstum kann aber auch von verschiedenen Syndromen wie etwa dem Turner-Syndrom bei Mädchen tangiert werden.  Dieses betrifft rund 15 Mädchen pro Jahr und führt ohne Behandlung zu Kleinwuchs und fehlender Pubertätsentwicklung. Ebenfalls kann ein Mangel an diversen Hormonen, ein Hirntumor oder eine Knochenbildungsstörung Ursache für ein auffälliges Wachstum sein. Allerdings muss ich hier betonen, dass diese Ursachen sehr selten sind!

Wie sehen die Abklärungen konkret aus?

Zuerst beurteilen wir das Wachstumsmuster innerhalb der Familie. Häufig liefert uns das schon erste Hinweise, ob es sich um eine «normale» Wachstumsverzögerung handelt. Zudem wird ein Handröntgenbild zur Bestimmung des Knochenalters gemacht. Anhand dessen können wir beurteilen, ob beim Kind die Knochenreife verzögert ist oder nicht.

Ein Kind mit verzögerter Knochenreifung hat längere Zeit zum Wachsen und holt den Rückstand im Vergleich zu seinen Altersgenossen normalerweise in der Pubertät auf. Allerdings können für die Kombination «Körpergrösse zu klein und Knochenreifung verzögert» auch ganz unterschiedliche Hormonstörungen verantwortlich sein.

Die Ursache kann im Zwischenhirn (im Hypothalamus) liegen, in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) oder in anderen Drüsen, die Hormone ins Blut ausschütten.

Weiter müssen chronische Erkrankungen wie etwa Zöliakie ausgeschlossen und die Hormonwerte überprüft werden. Dies erfolgt anhand von Bluttests. Allerdings ist die Diagnose eines Wachstumshormonmangels nicht ganz einfach zu stellen.

Es genügt hierbei nicht, einfach die Hormonmenge im Blut zu messen, sondern die Diagnose muss aus mehreren Puzzleteilen zusammengesetzt werden.

Können Sie uns das näher erklären?

Bei einem Wachstumshormonmangel zeigen sich neben der kleinen Körpergrösse eine verzögerte Knochenreifung, ein Abfall des Wachstums auf der Perzentilenkurve sowie ein niedriger Blutwert des Hormons IGF-I. Um die Diagnose sicher zu stellen, sind zusätzlich weitere Hormontests und Untersuchungen notwendig.

Liegt tatsächlich ein Mangel des Wachstumshormons vor, kann eine Hormontherapie helfen, dass das Kind im Erwachsenenalter eine normale oder nahezu normale Grösse erreichen wird. Entscheidend für den Erfolg ist ein möglichst frühzeitiger Beginn mit der Behandlung.

Bei einem Wachstumgsormonmangel zeigen sich neben der kleinen Körpergrösse eine verzögerte Knochenreifung, ein Abfall des Wachstums.

Ein Wachstumsverlauf kann auch als auffällig gelten, wenn das Kind deutlich zu gross ist. Welche Abklärungen müssen hier getroffen werden?

Als Grosswuchs wird eine Grösse über der 97. Perzentile definiert. Bei jüngeren Kindern muss man sicher sein, dass keine der seltenen Hormonstörungen besteht, welche das Wachstum beschleunigen.

Bei familiär Grosswüchsigen ist es sinnvoll, mit einer Knochenalterbestimmung Wachstumsprognosen zu berechnen. Je nach Prognose kann darüber diskutiert werden, ob das Wachstum gebremst werden soll.

Dabei wird die Pubertät mit der Gabe von Hormonen vorverlegt und die Reifung des Verschlusses der Wachstumsfugen forciert. Mit dieser Therapie kann die zu erwartende Endgrösse durchschnittlich um etwa fünf bis sechs Zentimeter reduziert werden. Die Behandlung wird erst im Verlaufe der Pubertätsentwicklung begonnen.

Weitere Infos

http://www.pezz.ch/