Dr. Porschke, woher rührt ein Burnout und was sind typische Anzeichen dafür?

Ein Burnout ist die Folge einer chronischen Stressbelastung, die man nicht bewältigen bzw. kontrollieren kann. Zu den typischen Frühwarnsymptomen gehören chronische Anspannung, reduzierte emotionale Stabilität, z.B. in Form von Reizbarkeit, Weinen oder Apathie.

Aber auch sozialer Rückzug, Ungeduld und Auffassungsprobleme beim Zuhören sowie Leistungsabfall und kognitive Leistungsminderung sind Anzeichen.


Oft lassen auch die Motivation und das Engagement der Betroffenen nach. Sie können nicht abschalten und sich erholen. 
 

Wie wirkt sich die Situation der Betroffenen auf das Arbeitsumfeld aus?

Aufgrund von Schlafstörungen und zunehmender Erschöpfung werden Betroffene reizbar und entwickeln eine Leistungsminderung mit Selbstzweifeln und Angst.

Häufig kommt es zu verstärkten Anstrengungen und Konflikten im Arbeitsumfeld, gefolgt von sozialem Rückzug und zunehmenden Selbstwertproblemen in der Isolation – ein Teufelskreis.

Wovon ist die persönliche Stressbelastung abhängig?

Stressoren sind sehr individuell und – wie auch die Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit – abhängig von unserer genetischen und epigenetischen Disposition. 

Zudem spielen unsere ersten Bindungs- und weitere soziale Erfahrungen für die Entwicklung der Selbstwertregulation und der sozialen Intelligenz eine wichtige Rolle.

Welche Faktoren schützen vor einem Burnout?

Wer eine gute Resilienz sowie ein gutes soziales Netz besitzt und zudem fähig ist, Hilfe anzunehmen, begegnet Herausforderungen bzw. Stress eher positiv.

Dabei beeinflussen auch Persönlichkeitsfaktoren wie die narzisstische Selbstregulation oder die emotionale und körperliche Selbstwahrnehmung die Resilienz. Ein sogenanntes positives Stress-Mindset, also eine positive Einstellung gegenüber neuen Herausforderungen hilft, mit Stress besser fertig zu werden.

Was meinen Sie mit narzisstischer Selbstregulation?   

Dass man über einen «gesunden Narzissmus» bzw. über eine positive Regulation des Selbstwerts verfügt. Dafür braucht es Selbstanerkennung und die Fähigkeit zur Selbstberuhigung.

Wer diese Fähigkeiten besitzt, kann den eigenen Wert immer wieder aufrechterhalten, auch wenn er mal auf die Nase fällt.

Welche Methoden der Stressbewältigung empfehlen Sie jemandem, der unter Dauerstress steht?

Zu den praktischen Methoden gehört beispielsweise regelmässige Bewegung, und zwar möglichst in der Natur bei Tageslicht. Auch ein guter Schlaf, eine gesunde Ernährung sowie aktive und passive Entspannungsübungen helfen beim Stressabbau.

Zudem ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und sich Zeiten der Nichterreichbarkeit zu gestatten.

Was kann das Arbeitsumfeld präventiv tun?

Es sollte eine offene Kommunikation und Vertrauen fördern und über eine gute Team- und Fehlerkultur verfügen. Ein vertrauensvolles Arbeitsklima macht es einem leichter, nach Unterstützung zu fragen und das Gespräch zu suchen.

Eine gesunde Führung erkennt einerseits Gefährdungsanzeichen frühzeitig. Andererseits mischt sie Strukturierung mit einem inspirierenden, motivierenden Führungsstil, der neue Ideen der Mitarbeiter zulässt und auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Wertschätzung beruht.

Können neue Arbeitsformen wie Home Office oder flexible Arbeitszeiten das Burnout-Risiko reduzieren?

Im Rahmen einer gut vorbereiteten, vertrauensvollen Unternehmenskultur können individuell angepasste Arbeitszeiten und -formen durchaus präventiv wirken. Wenn das Klima jedoch durch Misstrauen und Konkurrenz geprägt ist, geraten Mitarbeiter – zum Beispiel im Homeoffice – unter Druck und in Isolation und das Burnout-Risiko nimmt zu.

Braucht es professionelle Hilfe, um aus einem Burnout herauszufinden?

Ja. Bei leichten Formen reicht eine ambulante Psychotherapie begleitet von Entspannungs- und Bewegungsangeboten, um zu einer besseren Selbstregulation zu kommen.

Bei schwerer Erkrankung mit Arbeitsunfähigkeit ist häufig ein Beginn mit stationärer Therapie zur Distanzierung aus der Belastungssituation und integrierter multimodaler Behandlung notwendig. Anschliessend kann die Therapie – begleitend zu einem stufenweisen beruflichen Wiedereinstieg – ambulant fortgeführt werden.

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www.oberwaid.ch