Wir alle wissen, was Schmerzen sind. Bei akuten Schmerzen, zum Beispiel wenn uns jemand auf den Fuss tritt, wird der Schmerzreiz als «elektrisches Signal» über die Nerven in das Rückenmark und von dort aus ins Gehirn geleitet, wo es schliesslich als Schmerz wahrgenommen wird. Lässt sich die Ursache beheben, ist der akute Schmerz meist schnell wieder «vergessen». Wenn Schmerzen aber mehr als drei Monate oder gar Jahre bestehen und sich quasi verselbstständigen, sprechen Ärzte von chronischen Schmerzen. Chronische Schmerzen haben ihre Warnfunktion dann verloren. Die schmerzleitenden Nerven reagieren immer empfindlicher. 

«Schon schwache Reize wie etwa ein Betttuch über dem Körper können dann starke Schmerzen auslösen», sagt Dr. med. Livia Granata. Eine besonders grosse Herausforderung sei die Behandlung von neuropathischen Schmerzen. «Bei neuropathischen Schmerzen ist das Nervensystem selber die Ursache von Schmerzen, es sind also nicht die Nervenbahnen als Übermittler von Schmerzreizen», weiss die Fachärztin für Neurologie und Schmerztherapie. Sie praktiziert in Zürich und weist eine langjährige Erfahrung im In- und Ausland (vor allem USA) in der Schmerztherapie aus. 

Als Indiz für neuropathische Schmerzen wertet Dr. Granata, wenn Patientinnen und Patienten ihre Schmerzen als brennend oder elektrisierend bezeichnen

Eine Gürtelrose, ein Diabetes, eine multiple Sklerose, eine vorgelaufene Gewebsverletzung oder Operation: Neuropathische Schmerzen könnten viele, oft auch unbekannte Auslöser haben. «Der Schmerz sitzt dann zum Beispiel nach einem Unfall nicht mehr im Bein oder im Arm, sondern im Gehirn», macht die Ärztin anschaulich klar.

Als Indiz für neuropathische Schmerzen wertet Dr. Granata, wenn Patientinnen und Patienten ihre Schmerzen als brennend oder elektrisierend bezeichnen, oft noch mit Ameisengefühlen und Taubheitsgefühlen verbunden. Nicht selten lösten solche Schmerzen mit der Zeit auch Depressionen und Ängste aus und verstärkten dadurch wieder die Schmerzen.

Für Betroffene, denen keine pharmakologische Behandlung mehr hilft oder bei denen die Nebenwirkungen von Medikamenten zu gross sind, gibt es seit Neuestem Hoffnung: In der Praxis von Dr. Granata befindet sich das schweizweit erste Gerät namens Brainsway für die Tiefe Transkranielle Magnetische Stimulation (TCMS).

Dieses Gerät sei noch einen Schritt voraus gegenüber der regulären TCMS und in den USA seit 2013 bei Depression von der FDA-Gesundheitsbehörde genehmigt (50 bis 70 Prozent Erfolgsrate). Auch sie habe schon gute Erfahrungen damit gemacht. Vielversprechende Anwendungen gäbe es auch bei chronifizierter Migräne und Erschöpfung bei multipler Sklerose.

Dem Patienten wird eine Art Helm übergestülpt. Durch eine intensive magnetische Stimulation erreiche man indirekt tiefere Hirnregionen. Das Verfahren sei sehr schonend, erfordere keinen invasiven Eingriff und verursache nicht die geringsten Nebenwirkungen. Die Patienten müssten allerdings bereit sein, während etwa 20 bis 30 Tagen hintereinander die Praxis aufzusuchen. 

Die bisherigen Verläufe zeigten, dass sehr viele Patienten mit einer signifikanten Verbesserung ihres Gesundheitszustandes rechnen dürften. Und mit einem willkommenen Nebeneffekt: Dank dem neuen Verfahren würde sich die «Bluthirnbarriere» für Medikamente öffnen. Das heisst, dass Schmerzmedikamente plötzlich doch wieder eine positive Wirkung haben könnten.