Bei einer ausgeprägten Kieferfehlstellung (Dysgnathie) sind Ober- und Unterkiefer ungleich entwickelt. Das disharmonisch wirkende Gesichtsprofil und die Einschränkung der Mund- und Nasenatmung zählen zu den typischen Folgen. Oft leiden Betroffene auch unter Kiefergelenks-, Kopf- oder Rückenschmerzen. Hinzu kommen psychische Probleme: Jeder Mensch, ob Frau oder Mann, hat das Bedürfnis, makellos auszusehen.

«Patientinnen mit einer ausgeprägten Kieferfehlstellung kann geholfen werden», betont Professor Hermann Sailer. «Der Kiefer- und Gesichts-Chirurgie stehen heute anspruchsvolle und schonende Methoden zur Verfügung.» Mit minimall-invasiven Operationstechniken kann jeder Bereich des Kiefers und des Gesichts ohne äussere Hautschnitte und Verdrahtungen des Knochens korrigiert werden. So lassen sich funktionelle Probleme beheben. Gleichzeitig wird das ästhetische Erscheinungsbild harmonisiert.

Detaillierte Planung

Dysgnathien werden durch Wachstumsstörungen der Kiefer verursacht, die vielfach mit einer gestörten Zahnstellung einhergehen. Meistens muss bei einer Operation der Ober- und Unterkiefer gemeinsam verlagert werden. Zuvor erfolgt in der Regel eine kieferorthopädische Vorbehandlung. Für einen erfahrenen Chirurgen ist es ohne Bedeutung, ob ein Distalbiss (Rücklage des Unterkiefers) oder eine Progenie (Vorbiss des Unterkiefers) vorliegt.

Entscheidend sind das Planungskonzept der Behandlung und das Ziel, ein attraktives Gesicht und eine normale beziehungsweise funktionelle Zahnstellung zu erreichen. Dazu sind detaillierte, meist mehrfache Planungssitzungen mit der Patientin nötig, um ein gutes Resultat zu erzielen.

«In der Regel wünschen Frauen ein so genanntes Vorgesicht, das dem heutigen Schönheitsideal entspricht», sagt Sailer. Schön sei ein Gesicht dann, wenn es nach vorne gewachsen ist. «Wenn wir zurück in die Antike gehen, so verfügte Nofretete über ein schönes Gesicht. Da stimmte einfach alles, von der Stirn über die Nase bis zum Mund und dem Kinn. Ein Gesicht, das als schön empfunden wird», erläutert Hermann Sailer.

Ästhetik und Gesundheit

Ein harmonisches und schönes Gesicht spielt aber auch für die Gesundheit eine wichtige Rolle. Ein nach vorne gewachsenes Gesicht verfügt über mehr Platz in der Mundhöhle. Sailer erläutert dies am Beispiel des starken Schnarchens. «Schnarchen kann auf eine lebensbedrohliche Schlafapnoe hindeuten, die oft mit Tagesmüdigkeit, Konzentrationsmangel, einem drohenden Schlaganfall, Herzinfarkt oder einer schleichenden Demenz einhergehen kann.» Die ursächliche Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe besteht in der operativen Vorbewegung der Kiefer, so dass Platz für die Zunge geschaffen wird und die oberen Luftwege sich öffnen. Durch eine Vorverlagerung von Ober- und Unterkiefer erweitern sich die oberen Atemwege zwei- bis dreimal so weit, was unmittelbar nach der Operation zu einer raschen Verbesserung des Gesundheitszustands und zu mehr Vitalität und Leistungsfähigkeit führt. «Dieses Beispiel macht deutlich, dass die ästhetische Form des Gesichts, insbesondere von Unter- und Oberkiefer, und die Funktion der Atemwege in einem engen Zusammenhang stehen», so Sailer.

Skelettale Wachstumsstörungen

Schon Kinder und Jugendliche sind von Kieferfehlstellungen betroffen. Viele von ihnen tragen Zahnspangen, welche schräg stehende Zähne über Monate und Jahre in die gewünschte Stellung bringen. Bisweilen werden Zähne gezogen, um den verbleibenden Zähnen genügend Raum zu verschaffen.

«Liegen jedoch skelettale Wachstumsstörungen oder Dysgnathien vor wie zum Beispiel ein zu kleiner Unterkiefer oder ein zurückliegender Oberkiefer, sollte die Behandlung mit einem Kieferorthopäden und einem Gesichtsspezialisten sowie dem Zahnarzt geplant werden», betont Sailer. «Störungen des Wachstums der Kiefer sind das Fachgebiet des Gesichtschirurgen, Störungen der Zahnstellung gehören in die Obhut eines Kieferorthopäden.» Einzig eine gemeinsame Planung und Behandlung behebe gesundheitliche Probleme, führe zu einer schönen Zahnstellung und einem attraktiven Aussehen.

Intensive Mundhygiene

Wie alle chirurgischen Eingriffe sind auch Kieferoperationen nicht ohne Risiken. Im Vergleich sind diese jedoch selten. Nachblutungen im Anschluss an die Operation sind meist gut zu behandeln. Schwellungen sind vergleichbar mit denen nach gleichzeitiger Entfernung von Weisheitszähnen. Die Umstellung des Unterkiefers kann gelegentlich Druckerscheinungen in den Kiefergelenken ­verursachen, die meist von alleine ­verschwinden. Durch die Knochenverschiebung kann es besonders im Unterkiefer zu einer Nervendehnung (N. Mandibularis) und damit Irritation kommen.

Dies manifestiert sich in einer zeitweiligen Gefühlsstörung der Unterlippe, die sich normalerweise nach einigen Monaten zurückgebildet hat. Die Mimik (M. Facialis) ist dadurch nicht beeinträchtigt. Da die Mundhöhle bei jedem Menschen mit Keimen besiedelt ist, kann es nach der Operation zu einer Wundinfektion kommen. Durch eine intensive Mundhygiene nach jeder Mahlzeit ­kann dieses Risiko deutlich vermindert ­werden.