Der heute 48-jährige Hans J. (Name von der Redaktion geändert) bewirtschaftete zusammen mit seiner Familie während Jahrzehnten einen gut 20 Hektar grossen Bauernbetrieb im Zürcher Oberland. Hans J. hatte Freude an seinem Beruf, arbeitete jahrelang ohne Ferien zu machen, klagte nicht und erfreute sich einer guten Gesundheit. Die Erschöpfung setzte schleichend ein. Hans J. fühlte sich oft müde und ausgelaugt, alltägliche Verrichtungen fielen ihm zunehmend schwer. Es geschah beim Holzen, als er verunfallte. «Das war wie ein Filmriss», erinnert er sich. Hans J. erlitt einen Zusammenbruch. Ein klassisches Burnout, lautete die Diagnose des Hausarztes. Die jahrelange harte Arbeit hatte ihren Tribut gefordert.

Rechtzeitig erkennen

Überlastungssyndrome gibt es in vielen Berufskategorien. Neben der quantitativen Arbeitsbelastung spielen unterschiedliche Faktoren wie Anerkennung der Arbeit durch das Umfeld, Rollenkonflikte und die eigenen Stressbewältigungskompetenzen eine entscheidende Rolle. «Durch andauernden Stress ausgelöste Erkrankungen gehören heute zu den weltweit schwerwiegendsten und bedeutendsten Krankheitsbildern. Burnout ist nur eines davon und betrifft in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen und Schweregraden bis zu 20 Prozent der Bevölkerung», betont der Experte Martin E. Keck.

«Burnout ist heilbar. Es handelt sich dabei nicht um ein persönliches Versagen oder eine Willensschwäche.»

Trotz dieser Erkenntnis wird ein Burnout häufig zu spät erkannt oder nur unzureichend behandelt. «Dabei weiss man heute, dass ein Burnout ein Risikofaktor für das Auftreten anderer schwerwiegender Volkskrankheiten sein kann», gibt Keck zu bedenken. Wichtig sei die individuelle, nachhaltige und wissenschaftlich fundierte Therapie der Erkrankung. «Burnout ist heilbar. Es handelt sich dabei nicht um ein persönliches Versagen oder eine Willensschwäche.»

Macht Stress krank?

Stress gehöre zum normalen Leben, sagt Keck. «Jede Konfrontation mit äus­seren oder inneren Belastungen löst eine sinnvolle Stressreaktion aus.» Der Alltagsstress sei vielfältig und vielfach auf steigende Leistungsanforderungen in Beruf und Freizeit, auf Zeitdruck oder Beziehungskonflikte zurückzuführen. Die Folge eines unbehandelten Burnouts, die Depression, bezeichnet er als schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Nicht selten endet sie tödlich: 15 Prozent aller Patienten mit schweren depressiven Episoden begehen Suizid. Die wissenschaftlich fundierte Behandlung einer Stressdepression erfordere ein ganzheitliches Konzept, betont Keck. Unterschiedliche Therapieansätze wie kognitive Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie und Gesprächstherapie werden entsprechend den Bedürfnissen der betroffenen Patienten evaluiert. Je nach Symptomatik werden zusätzlich körperorientierte beziehungsweise kreativtherapeutische Verfahren, Entspannungsübungen und Stressbewältigungstrainings angewendet. Der Therapieplan wird gemeinsam mit dem Patienten erstellt und bei Bedarf kontinuierlich angepasst.

Anerkennung und Wertschätzung

Unterschiedliche Faktoren im persönlichen Verhalten, aber auch die Gestaltung des Arbeitsumfelds können vor der Entstehung eines Burnouts oder vor einem Rückfall schützen. Dazu gehören ein adäquates Mass an Belastung und ein auf die individuelle Situation abgestimmtes Arbeitspensum, die Korrektur unrealistischer Ziele und Erwartungen, Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten in Bezug auf die tägliche Arbeit, Belohnung, Anerkennung und Wertschätzung, Gemeinschaftssinn, Teamgeist, kollegiale Unterstützung und gegenseitige Hilfe. «Wichtig ist auch, dass man zwischen Arbeitswelt und Privatleben eine sinnvolle Trennung vornimmt. Wer zudem ständig via Handy, Internet oder E-Mail erreichbar ist, tut sich keinen Gefallen», so Keck. Ihn erstaunt es nicht, dass auch in einer Branche wie der Landwirtschaft mit hohen Arbeitspensen und starken wirtschaftlichen Belastungen ein Burnout auftreten kann. Heute lebt der frühere Landwirt Hans J. von einer halben IV-Rente. Daneben hilft er benachbarten Bauern aus. Den Hof hat er verkauft. Jetzt gehe es ihm wieder besser, sagt er. «Ich kann mein Arbeitspensum bewältigen, ohne dass ich gesundheitliche Probleme habe.»