Herr Dr. Albermann, warum brauchen Kinder von psychisch belasteten Eltern besondere Unterstützung?

Gemäss Studien ist die Wahrscheinlichkeit für Kinder psychisch kranker Eltern, selbst eine psychische Störung zu entwickeln, um den Faktor drei bis sieben erhöht.

Für die Wahrung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen gilt es, die Situation frühzeitig zu prüfen und diese zu unterstützen, bevor die Kinder und Jugendlichen selbst Auffälligkeiten zeigen.

Von wie vielen betroffenen Familien in der Schweiz sprechen wir?

Nach sehr vorsichtigen Schätzungen haben in der Schweiz mindestens 20 000 bis 50 000 Kinder und Jugendliche einen psychisch erkrankten Elternteil. Genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt und nur schwer zu ermitteln, denn die Dunkelziffer ist leider hoch.

Fachleute gehen von bis zu 300 000 betroffenen Kindern aus. Wir sprechen somit von einer grossen Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit einem psychisch erkrankten Elternteil, denen unbedingt unsere volle Aufmerksamkeit gehören muss.

Was können psychisch belastete Eltern für eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder tun?

Viele psychisch erkrankte Eltern fühlen sich mit der eigenen familiären Situation überfordert. Sie trauen sich aber nicht, darüber zu sprechen. Trotz psychischer Belastungen oder einer Erkrankung können sie – und das ist besonders wichtig – «gute Eltern» sein und ihrer Rolle verantwortungsvoll nachkommen.

Die Familie kann gar ein Schlüssel zur Genesung sein. Allerdings benötigen betroffene Kinder und Jugendliche nicht selten Hilfestellung, um die komplexe Situation zu verstehen und damit umgehen zu können.

Sie brauchen Halt und Verständnis. Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern in Kontakt bleiben und nachfragen, ob und auf welche Weise sie sich durch eine elterliche psychische Erkrankung belastet fühlen.

Werden Kinder durch ein Gespräch zur psychischen Erkrankung des Elternteils überfordert?

Kinder machen sich viele Gedanken und möchten wissen, was los ist. Sie übernehmen nicht selten Aufgaben oder die Funktion des erkrankten Elternteils, werden «parentifiziert». Manche Kinder glauben, sie seien selbst schuld an der elterlichen Erkrankung.

Deshalb kann der vertrauensvolle, altersangemessene Austausch zwischen Eltern und Kindern diese sehr entlasten. Den Kindern gelingt es eher, die elterliche Situation richtig einzuordnen und sie lernen damit umzugehen.

Der Haus- oder der Kinderarzt spielt dabei eine wichtige Rolle und kann Eltern hierbei unterstützen oder Kontakt zu spezialisierten Fachpersonen herstellen.

Wie kann ein solches förderndes Gespräch zwischen Eltern und Kindern aussehen?

Als Einstieg in ein Gespräch kann es hilfreich sein, aufzuzeigen, dass psychische Erkrankungen häufig sind. Man spricht in der Schweiz von einmal im Leben jeder zweiten bis dritten Person. Es kann also jeden treffen, darüber gesprochen wird allerdings sehr wenig.

Gemeinsam mit dem Kind sollte eruiert werden, was das Kind als besonders schwierig und was als besonders hilfreich erachtet. Zudem sollte ganz klar ausgesprochen werden, dass das Kind keinerlei Schuld am Problem trifft.

Beleuchtet werden sollten auch die Auswirkungen auf das Familienleben. All dies aufzuzeigen, liegt in der Verantwortung der Erwachsenen. Dies ist ein Prozess, der immer wieder überprüft, was zur Verbesserung der Situation bereits getan wurde und wo noch Anpassungen

nötig sind. Über psychische Belastungen und Erkrankungen darf gesprochen werden. Es braucht kein Geheimnis zu sein – man darf sich Hilfe von aussen holen. Im Gegenteil; dies zeugt von Verantwortung und ist ein Liebesbeweis, der aussagt: «Ja, mir liegt das Wohl meines Kindes und aller Familienmitglieder am Herzen!»

Inwiefern sollte ich mich als Aussenstehender bei Verdacht auf eine psychische Belastung von Eltern «einmischen»?

Wenn die Vermutung besteht, dass eine Person aus dem eigenen Umfeld durch eine psychische Krankheit belastet ist, kann dies den Wunsch auslösen zu helfen. Die meisten Menschen wissen jedoch nicht wie.

Oft gibt es Hemmschwellen: Darf ich mich in das Privatleben anderer einmischen? Wie wird die angesprochene Person darauf reagieren? Wegschauen hilft nicht. Es gibt diverse Handlungsmöglichkeiten.

Ein Aussenstehender kann mitteilen, dass er sich Sorgen macht. Und er kann auch ein Gespräch oder konkrete Unterstützung anbieten. Wichtig erscheint mir, dass die Handlungen stets transparent und respektvoll sind.

Sie sprachen davon, Hilfe von aussen zu holen. Wo können Betroffene diese Hilfe finden?

Hilfe kann von Menschen aus dem näheren Umfeld oder von Fachstellen kommen. Oft ist es sehr entlastend, wenn Verwandte und Freunde bei der Kinderbetreuung mithelfen oder bei den alltäglichen Arbeiten, die es zu verrichten gilt.

Es gibt auch Fachstellen, die Entlastung anbieten, der Haus- oder der Kinderarzt kann Eltern und Kinder entsprechend informieren. Es ist besonders wichtig, dass der erkrankte und der gesunde Elternteil und bei Bedarf auch die Kinder spezifische Beratung oder therapeutische Unterstützung erhalten.