Seit fünf Jahren sind Sie als Coach für Stressmanagement tätig. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich beschäftige mich schon seit meinem zwanzigsten Lebensjahr mit den Themen Stressmanagement und Leistungsoptimierung. Als 17-Jähriger kam ich zu GC und war sofort Stammspieler, drei Monate später wurde ich in die Nationalmannschaft aufgenommen. Nach diesen frühen Erfolgen ging ich 19-jährig zu YB und wurde zehn Monate später entlassen.

Damals reflektierte ich und kam zum Schluss: Entweder ich gebe allen anderen die Schuld für diesen Misserfolg oder ich schaue bei mir, was ich dazu beigetragen habe. Ich habe mich für Letzteres entschieden und ab diesem Moment begonnen, mich intensiv mit Leistungsoptimierung zu beschäftigen. Die Thematik hat mich extrem fasziniert und wurde neben dem Fussball zu einer Herzensangelegenheit in meinem Leben. 

Stress ist ja nichts Schlechtes, sondern hilft uns, besondere Herausforderungen zu meistern.

Stress ist heute bei uns allgegenwärtig und macht viele Menschen krank. Ist ein stressfreies, glückliches Leben nicht eine Illusion?

Nein überhaupt nicht, wenn wir nicht den illusionären Anspruch haben, dies 24 Stunden, 365 Tage und unser ganzes Leben lang zu sein. Stress ist ja nichts Schlechtes, sondern hilft uns, besondere Herausforderungen zu meistern. Also können wir alle froh sein, dass uns die Natur mit so einem genialen Mechanismus wie der Stressreaktion ausgestattet hat.

Wenn der Stress jedoch kein Ende mehr nimmt, dann verbrennen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes. Dass wir heute oftmals diesen Dauerstress haben, hat viel damit zu tun, dass wir a) nicht unserem Wesen entsprechend leben und b) mit der Art und Weise unserer inneren Einstellung, wie wir unser Leben anpacken.

Beides können wir ändern, damit eine höhere Lebensqualität erlangen und unser Haltbarkeitsdatum verlängern. Nicht im Sinne von dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern vielmehr den Jahren mehr Leben. Man sollte lernen, das Beste aus allem zu machen.

Was läuft falsch in unserer Gesellschaft, dass es heute so viele Fälle von Burnout gibt?

Einerseits haben viele Menschen ihren natürlichen Rhythmus verloren. Sie glauben sie seien Maschinen und bräuchten keine Pausen. Das führt dazu, dass sie wie Superman/-woman mit Vollgas durchs Leben fliegen und jede Tankstelle links liegen lassen.

Andererseits presst uns unsere Gesellschaftsform in ein System, das so nicht unserem Wesen entspricht. Die Hauptursache, weshalb es heute so viele Burnout-Fälle gibt, ist, dass unser Geist permanent überlastet und unser Körper gleichzeitig völlig unterfordert ist.

Unser Organismus ist von Natur aus zum Jagen gedacht und möchte bewegt werden. Nun sitzen wir aber den ganzen Tag und brauchen nur unseren Verstand.

Dann könnte man also mit mehr Bewegung einem Burnout vorbeugen?

In der Tat ist Bewegung ein zentrales Element. Um den Geist regenerieren zu können, braucht es den meditativen Zustand. Im meditativen Zustand sind wir, wenn wir auf etwas so fokussiert sind, dass der Verstand an nichts anderes mehr denken kann.

Wenn wir anfangen, Bewegung mit dem meditativen Zustand zu paaren, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Körper baut Substanz auf und der Verstand bekommt eine Pause und kann regenerieren.

Nach einem langen Arbeitstag möchte man aber häufig nur noch die Beine hochlegen und beim Fernsehen abschalten ...

Was absolut verständlich ist! Der Verstand ist nach einem langen Arbeitstag erschöpft und braucht eine Pause, unser Körper aber will noch bewegt werden.

Deshalb ist es in solchen Momenten so wichtig, den inneren Schweinehund zu überwinden und unseren Feierabend mit einer Aktivität, die einem Freude bereitet und uns in diesen meditativen Zustand versetzt, zu füllen. Der Lohn dafür ist dann auch der Schlaf des Gerechten.

... den Geist ruhen zu lassen, fällt oftmals sehr schwer.

Es fällt nur schwer, weil das Verständnis dafür fehlt, wie es funktioniert. Aus diesem Grund macht man oft das Falsche: Wenn man geistig erschöpft ist und sich hinlegt, kümmert sich der Verstand weiter um Sorgen, Ängste, Probleme und Problemlösungen.

Er hält uns so weiter in permanenter Anspannung, um jederzeit kämpfen, flüchten oder uns dem Tod stellen zu können. Das macht uns am Ende krank.

Oftmals ist es nicht einfach, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und diese zu ändern. Sie arbeiten dazu mit dem medizinischen Verfahren der Herzratenvariabilität HRV. Wie funktioniert dieses?

Stress ist kein unbestimmter Zustand, sondern lässt sich anhand der Analyse der Herzratenvariabilität gezielt messen. Dazu trägt man über 24 Stunden ein EKG und führt zusätzlich ein Protokoll seiner täglichen Aktivitäten.

Heraus kommt ein Lebensfeuerbild, anhand dessen man sehr genau sagen kann, was für Grundmuster die Person hat.

Es zeigt auf, was die Person stresst, wo sie Energie verliert, mit welcher inneren Einstellung sie ihr Leben meistert und welchen Einfluss dies auf den gesamten Organismus hat. Anhand von diesem Bild gibt es für jeden individuelle Interventionsmassnahmen. Damit kann man das Burnout-Risiko frühzeitig erkennen und gezielt minimieren.

Wichtig ist, dass der Mensch lernt, auf sich und auf seinen Organismus zu hören. Wenn wir diesem Vertrauen schenken, sind wir auf dem richtigen Weg und leben unserem Wesen entsprechend.

Das heisst, man muss nicht gleich sein gesamtes Leben umstellen?

Nein! Es sind oftmals kleine Veränderungen, die in den bisherigen Alltag eingebaut werden können. Die innere Einstellung ist dabei zentral. Wir können uns zu Höchstleistungen antreiben, wenn unser Antrieb Freude, Begeisterung und Leidenschaft ist. Dann ist es so, als hätten wir den Stecker in der Steckdose und am Ende des Tages haben wir mehr Energie als am Morgen. Wenn der Antrieb hingegen nur Pflichtbewusstsein, Geld, Karriere oder Erfolg ist, dann kostet uns das enorm viel Energie.

Vielen Menschen macht der Job aber keine Freude und sie tun vieles in ihrem Leben hauptsächlich aus Pflichtbewusstsein.

Unser Leben besteht aus Pflichtanteilen. Primär geht es bei uns allen ums Überleben. Wir brauchen etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Wenn wir das geschafft haben, können wir uns darum kümmern, Dinge zu tun, die uns entsprechen. Wenn ich einen Job habe, den ich nicht mit grosser Begeisterung und Freude erfülle, dann entscheide ich trotzdem noch, mit welcher inneren Einstellung ich diesen mache.

Das heisst, ich kann jeden Tag aufstehen und denken: «Mein Job ist so blöd und ich mag nicht.» Dann macht es mich kaputt. Ich kann aber auch aufstehen und denken: «Okay, es ist nicht meine grosse Leidenschaft, aber es ist toll, ich habe einen Job, der es mir erlaubt, meine Familie zu ernähren. Ich bin dankbar dafür und mache das Beste daraus.» Diese Wahl ist entscheidend.

Es ist völlig egal, was wir machen, es ist nur entscheidend, WIE man es macht. Und über das WIE entscheidet am Ende jeder selber.

Was können Firmen aktiv ändern, um die Zahl der Burnout-Betroffenen zu reduzieren?

In erster Linie braucht es ein gutes Arbeitsumfeld, in dem sich die Mitarbeitenden wohlfühlen. Die Atmosphäre ist ein entscheidender Faktor und hat einen grossen Einfluss darauf, wie produktiv man ist.

Gestresste Mitarbeiter sind weniger leistungsfähig. Bei Stress ist eine der ersten Reaktionen des Körpers, dass er das gesamte Blut in die Arme und Beine pumpt. Wenn wir also unter Stress stehen, ist unser Hirn weniger gut durchblutet und wir können schlechter denken. Zudem sollte mehr Bewegung in den Arbeitsalltag integriert werden.

Buchtipp

Herzensangelegenheit

Das neue Buch von Alain Sutter erscheint im November 2016 unter dem Titel "Herzensangelegenheit". In der Fortsetzung seines ersten Buches Stressfrei glücklich sein beschreibt Bestsellerautor Alain Sutter, wie wir in allen Lebenslagen Stress reduzieren und unser körperliches Wohlbefinden steigern können. Er berichtet anhand von Beispielen aus seiner Praxis als Coach, wie er Menschen begleitet, ein rundherum glückliches Leben zu führen, u. a. mit Messungen der Herzratenvariabilität (HRV), die zeigt, wie unser Organismus mit unserem Herzen kommuniziert und die Sprache des Herzens sichtbar macht.