Evelyne Kernen sitzt am Tisch in ihrer Praxis...

In diesem Raum behandelt die Atemtherapeutin seit bald 20 Jahren Patienten, die eine verminderte Lungenfunktion haben. Eine ihrer Patienten sitzt ihr vis-à-vis: Sabine Bucher-Gujer, die seit zehn Jahren an der COPD-Krankheit leidet («Chronic obstructive pulmonary disease» oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung).

Sabine Bucher-Gujer besteht nicht darauf, anonym zu sein. «Ich finde es wichtig, dass darüber gesprochen wird», sagt sie, und ihr Name dürfe gerne dafür verwendet werden. Häufig begegne sie im Alltag nämlich Vorurteilen.

«Selber schuld, wenn man raucht!», heisst es etwa. Tatsächlich wird die COPD-Krankheit meistens durch das Rauchen hervorgerufen. Manchmal – und im Falle von Sabine Bucher-Gujer ist das so – ist aber auch ein Gendefekt schuld.

Diagnose COPD

Alle ein bis zwei Wochen kommt Sabine Bucher-Gujer in die Praxis von Evelyne Kernen in Baden. «Eigentlich würde ich gerne häufiger kommen, die Therapie tut mir richtig gut!», sagt Sabine Bucher-Gujer und lächelt. Die 51-Jährige wirkt optimistisch. Was nicht selbstverständlich ist, wenn man einen Blick auf ihre Vergangenheit wirft. Alles hat vor zehn Jahren angefangen, als sie die Diagnose «COPD-Krankheit» bekam.

Vorher hat sie sich häufig müde und erschöpft gefühlt. Die Ärzte sagten ihr, sie habe nur noch 25 Prozent ihrer Lungenkapazität. «Das war hart!», so Sabine Bucher-Gujer. Gleichzeitig sei sie aber auch froh gewesen, endlich zu wissen, was los ist.

Sie hatte es satt, dass alle dachten, sie sei depressiv oder einfach faul. Während sie spricht, hat sie manchmal Tränen in den Augen und muss ihre Ausführungen kurz unterbrechen. Ein paar Sätze später lacht sie und sagt: «Abgesehen von meiner Krankheit habe ich viel Glück in meinem Leben! Ich habe vor wenigen Jahren geheiratet.» Ausserdem sei sie dankbar, so viele medizinische Möglichkeiten zu haben.

Dabei schaut sie zu Evelyne Kernen und lächelt sie an. In der Praxis von Evelyne Kernen findet die reflektorische Atemtherapie statt.

Therapie in 3 Schritten

Die Therapeutin erklärt, dass die Sitzungen in drei Schritten erfolgen: Mit heissen Wickeln, manueller Therapie mit Reizgriffen und Übungen, die zuhause gemacht werden.

Die heissen Wickel sollen einen Reiz auf die Atmung bewirken. Die Reizgriffe bringen den Körper in die eigentliche Atemform zurück. «Die Griffe tun teilweise richtig weh!», unterbricht Sabine Bucher-Gujer die Therapeutin mit einem Augenzwinkern. «Das sollen sie auch», erklärt Evelyne Kernen, «denn wenn jemand Schmerzen hat, ist die erste Reaktion darauf ein tiefer Atemzug».

Das führt dazu, dass der Patient endlich wieder richtig atmet. Und genau das ist laut Sabine Bucher-Gujer das grösste Bedürfnis von COPD-Patienten: Ein tiefer Atemzug.

Mit anderen Griffen aktiviert Evelyne Kernen ausserdem die Arbeit des Zwerchfells. Evelyne Kernen erklärt weiter: «Eine Heilung gibt es nicht, im besten Fall kann aber der Status erhalten bleiben.» Ausserdem sei es wichtig, dass der Organismus genügend Sauerstoff bekommt, damit Folgeerkrankungen vermieden werden können. Durch die Therapie könne das ganze Nervensystem unterstützt werden.

Mittlerweile hat Sabine Bucher-Gujer nur noch 14 Prozent ihrer Lungenfunktion und ist ständig mit Sauerstoffgerät unterwegs. Vor Kurzem traf sie die ersten Vorabklärungen für eine Lungentransplantation.

«Vor einer allfälligen Operation mache ich aber mit meinem Mann eine Kreuzfahrt nach Dubai», sagt Sabine Bucher-Gujer und sieht in diesem Moment ganz zufrieden aus.