Gerade jetzt in der Erkältungszeit...

...leiden viele betroffene Frauen besonders darunter, dass sie ihren Harn vielfach nicht willentlich zurückhalten können.

«Die Patientinnen kommen dann zu mir in die Sprechstunde und berichten, dass sie seit ein paar Wochen erkältet sind», erläutert der Facharzt Daniele Perucchini.

«Beim ersten Mal husten geht es noch. Beim zehnten Mal können die betroffenen Patientinnen den Abgang ihres Urins nicht mehr kontrollieren.» Oder die Patientinnen erinnern sich mit grossen Schamgefühlen an einen Besuch bei Bekannten.

«Als ich husten musste und vom Stuhl aufstand, hatte sich da ein feuchter Fleck gebildet», bekommt Perucchini immer wieder zu hören.


«Das ist dann der Moment, wo sich betroffene Frauen sagen: Jetzt muss ich etwas tun.»
 

Grosses Tabuthema

Trotzdem würden viele Frauen den Arztbesuch immer wieder hinauszögern, weiss Daniele Perucchini aus Erfahrung.

«Die Urininkontinenz ist auch heute noch eines der grössten Tabuthemen, nur noch schlimmer ist es bei einer Stuhlinkontinenz.» Nebst Schamgefühlen beobachtet der Facharzt auch einen deutlichen Mangel an Information.

«Manche Patientinnen glauben nach wie vor, Inkontinenz sei eine normale Erscheinung des zunehmenden Alters. Was so nicht stimmt.»

Ein grosses Problem ist aber auch für viele Betroffene, dass sie nicht genau wissen, an wen sie sich wenden können. Hier empfiehlt Perucchini den Frauenarzt oder Hausarzt als erste Anlaufstelle. «Dieser kann dann einen Spezialisten für weitere Abklärungen hinzuziehen.»

Von einer Urininkontinenz sind Frauen und Männer gleichermassen betroffen. Für die Blasen- und Beckenbodenschwäche bei Frauen sind mehrere Faktoren verantwortlich.

Einerseits Schwangerschaften und Geburten, welche den Beckenboden schwächen können, und anderseits das Alter.

Der Verschlussmechanismus der Harnröhre wird mit zunehmendem Alter schlechter, und es kommt beim Husten oder Niesen zu einem Abgang von Urin.

Bei den Männern sind die Ursachen von Blasenbeschwerden anders. Dort spielt die vergrösserte Prostata eine Rolle. Diese kann Drangbeschwerden verursachen und den Harnblasen-Abfluss behindern.

Mehrere Therapieoptionen

Es werden mehrere Formen von Harninkontinenz unterschieden. «Besonders häufig sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz sowie eine Mischform», erläutert Perucchini. Bei der Belastungsinkontinenz kommt es bei körperlichen Aktivitäten zum Urinabgang.


Diese Form der Inkontinenz ist die häufigste Form und macht 30 bis 50 Prozent aller Fälle aus.
 

Das Hauptsymptom bei der Dranginkontinenz beziehungsweise der überaktiven Blase ist ein plötzlich auftretender, starker Harndrang. Als Folge davon kommt es zu gehäuftem Wasserlösen am Tag und teilweise in der Nacht.

Man spricht umgangssprachlich auch von einer Reizblase. Bei der Mischinkontinenz sind die Patienten sowohl von Symptomen der überaktiven Blase als auch von Symptomen der Belastungsinkontinenz betroffen.

Eine Urininkontinenz kann heute erfolgreich therapiert werden. Eine erste Behandlungsmöglichkeit der Belastungsinkontinenz ist die Beckenbodenkräftigung in der Beckenbodenphysiotherapie.

Bei der hyperaktiven Blase ist das Blasentraining ein wichtiges Element einer erfolgreichen Therapie. Ziel ist die Steigerung des Blasenfassungsvermögens. Die zeitlichen Abstände zwischen den Toilettengängen werden schrittweise und teils mit Unterstützung von blasenentspannenden Medikamenten erhöht.

«Mit den konservativen, individuell angepassten Therapieoptionen mit Blasentraining, Beckenbodenphysiotherapie und Medikamenten erreichen viele Patientinnen eine Besserung der Lebensqualität», betont Perucchini.