Heute besteht die antiretrovirale HIV-Therapie aus drei Substanzen, welche die Vermehrung des Virus an verschiedenen Stellen in dessen Lebenszyklus angreifen. «Zum Teil werden diese drei Substanzen in eine Pille verpackt oder es werden zwei Substanzen in ein Kombinationspräparat eingebaut. Die Anzahl Tabletten, die eine HIV-infizierte Person pro Tag einnehmen muss, hat sich dadurch drastisch reduziert», erläutert Fachspezialist Huldrych Günthard. Zusätzlich können in den meisten Fällen Therapien verabreicht werden, die nur noch einmal pro Tag eingenommen werden müssen. Welche Substanzen für den Patienten in Frage kommen, hängt mit vielen Faktoren zusammen und muss zuerst detailliert geklärt werden. «Bevor eine Therapie gestartet wird, untersuchen wir das Virus auf seine Resistenz, da resistente Viren auch übertragen werden können. Dies um sicher zu sein, dass die eingesetzte Therapie auch maximal antiviral wirkt», erklärt Günthard. Es gibt auch Patienten, die von anderen Erkrankungen betroffen sind oder die ein erhöhtes Risikoprofil bezüglich anderer Leiden aufweisen wie zum Beispiel Arteriosklerose, erhöhte Blutfette oder Übergewicht. Mit der Konsequenz, dass gewisse Substanzen weniger, andere dagegen mehr eingesetzt werden können.

Das «schlafende» Virus
Mit den antiretroviralen Therapien kann die Virusproduktion praktisch vollständig unterbunden werden. Mit dem Resultat, dass keine Schwächung des Immunsystems auftritt und dieses sich sogar erholen kann, auch wenn es schon stark geschädigt war. Patienten, die heute eine HIV-Infektion bekommen und bei denen rechtzeitig mit der Behandlung begonnen wird, werden demzufolge nicht an Aids erkranken. «Dieser Unterschied ist wichtig, denn HIV bedeutet nicht gleich Aids», betont Huldrych Günthard. «Es ist uns aber nicht möglich, die latent infizierten Zellen zu vernichten, in denen sich das Virus in gleichsam schlafender Form aufhält und sich beim Absetzen der Medikamente wieder zu vermehren beginnt», schränkt er gleichzeitig ein. Das heisst, dass die antiretrovirale Therapie für den Rest des Lebens eingenommen werden muss. «Natürlich hoffen wir, dass es uns einmal gelingen wird, die latent infizierten Zellen zu vernichten. Doch dazu braucht es noch riesige Forschungsanstrengungen», so Günthard. Heute sei bekannt, dass man in hoch entwickelten Ländern nur noch selten an der Krankheit stirbt. Die Angst davor sei deshalb ein Stück weit verloren gegangen. «Allerdings sind sich die meisten Leute zu wenig bewusst, was es heisst, ein Leben lang Medikamente einnehmen zu müssen und von der Medizin abhängig zu sein», warnt der Spezialist.