Herr Nil, Sie waren früher in leitender Stellung in der klinischen Forschung von Angst- und Depressionserkrankungen tätig und forschten an neuen Antidepressiva. Später erlitten Sie ein Burnout, welches in einer Depression endete. Wie sind Sie mit Ihrer Erkrankung umgegangen?

Lange habe ich die Krankheit nicht realisiert und alle Gespräche mit Vorgesetzten abgelehnt.

Ich war als Medical Director in einer pharmazeutischen Firma tätig und in der klinischen Forschung engagiert, unter anderem bei der Entwicklung von neuen Medikamenten gegen Depressionen. Nach einer Phase mit ungeplanten Mehrfachbelastungen bin ich in eine Erschöpfungsdepression gerutscht. Lange habe ich die Krankheit nicht realisiert und alle Gespräche mit Vorgesetzten abgelehnt, weil ich vor lauter Arbeit keine Zeit dazu zu haben glaubte. Nachdem ich direkt zum Arzt geschickt wurde, ist mir die Situation schlagartig bewusst geworden und ich habe kooperiert.

Wie und wo haben Sie Unterstützung und Hilfe bekommen?

Dank dem Kontakt zu einer befreundeten Burnout-Spezialistin und dem unmittelbaren Beginn der medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung. Das Verständnis der Familie erlaubte eine Erholung zu Hause ohne Klinikaufenthalt.

Wie haben Sie schliesslich Ihre Erkrankung überwinden können?

Durch eine andauernde antidepressive Behandlung, Therapiegespräche und später ein Coaching zu Arbeit, Lebenssituation und Stressverhalten bei der Arbeit. Ebenso dank einem vorbildlichen Verhalten des Arbeitgebers. Er hat auf das Coaching bestanden und es finanziert.

Wie geht es Ihnen heute?

Heute geht es mir gut. Geblieben ist eine erhöhte Anfälligkeit für depressive Stimmungen und eine etwas geringere Stresstoleranz.

Sie sind Präsident des Vereins «Equilibrium», der sich für die Bewältigung von Depressionen engagiert. Wo sehen Sie die Chancen und Möglichkeiten von Selbsthilfegruppen im Kampf gegen depressive Erkrankungen?

Für schwer betroffene Menschen mit Depressionen können Selbsthilfegruppen eine wichtige Stütze sein. Nach einem Klinikaustritt bieten sie eine Auffangstruktur und ein soziales Netz, das durch die Krankheit oft gelitten hat. Auch können sich Betroffene untereinander austauschen, ohne die Krankheit lange erklären zu müssen.

Sie setzen sich für die Enttabuisierung von depressiven Erkrankungen ein: Können Sie diesbezüglich bereits erste Erfolge vorweisen?

Die Erkenntnis, dass Depression eine Krankheit ist, steigt in der Bevölkerung, wie auch das Krankheitsverständnis der Betroffenen. Therapien und Medikamente werden etwas besser akzeptiert. Dennoch gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu tun.

Stress, Burnout und Depression am Arbeitsplatz bekommen mehr Bedeutung, ebenso die Wiedereingliederung Betroffener. Wichtig ist auch die Aufklärung und Sensibilisierung von Angehörigen und Arbeitskollegen, damit diese wissen, wie sie sich Betroffenen gegenüber verhalten sollen. Wir haben dazu einen Informationsflyer herausgegeben.

Betroffenenbericht: Leonie W.*

Kapitel 1

Depression – das Leben in Isolation

Wenn ich an meine Teenagerjahre zurückdenke, hatte ich damals wahrscheinlich schon die Tendenz zu Depressionen. Allerdings war diese so schwach ausgeprägt, dass ich sie nicht als solche erkannt hatte. Denke ich an meine Kindheit und Jugend zurück, habe ich durchwegs schöne Erinnerungen. Ich habe ein tolles Elternhaus, einen guten Freundeskreis, war in der Schule und später in der KV-Lehre erfolgreich und galt überall als Sonnenschein. In meiner Jugend betrieb ich zudem Tennis als Spitzensport.

Ich hatte jahrelang einen komplett durchstrukturierten Tagesablauf, Tennis spielte die Hauptrolle. Dann, mit 18 Jahren, entschloss ich mich gegen den Spitzensport. Plötzlich fiel diese Struktur weg und ich musste herausfinden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. An diesem Punkt begann mein Leben schwierig zu werden. Ich wusste nicht, wo meine Perspektiven sind und wo mein Platz im Leben ist. Äusserlich behielt ich meine Fassade, innerlich fühlte ich mich völlig leer. Als Ventil für meine innere Zerrissenheit hörte ich auf zu essen und rutschte in die Magersucht ab.

Nach einer Therapie begann ich zwar wieder zu essen, meine Psyche aber litt weiter. Ich hatte einen tollen Job, den ich mit viel Leidenschaft ausführte. Je mehr ich merkte, dass es mir nicht gut geht, desto mehr arbeitete ich. Ich wollte meinen Motor unbedingt am Laufen lassen. Ich lebte auf der Überholspur, bis der grosse Knall kam. Von heute auf morgen ging nichts mehr. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, mein Fühlen und Handeln war wie eingefroren.

Ich verbrachte anfänglich mehrere Wochen bei meinen Eltern. Wir hatten die Hoffnung, dass sich mein Zustand bessern würde, wenn ich Ruhe und Erholung bekomme. Das Gegenteil war der Fall: Es ging mir immer schlechter, hinzukamen schwere Selbstmordgedanken. Ab diesem Zeitpunkt konnten meine Eltern die Verantwortung nicht mehr tragen und ich kam zu einer stationären Therapie in die Klinik. 

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*Name von der Redaktion geändert.