Suizidalität könne sich auch hinter einer Fassade verbergen. Dennoch gebe es psychische und emotionale Warnsignale, sagt Franco Baumgartner, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes der Dargebotenen Hand.

«Wenn Menschen hoffnungslos sind, ihr Leben als bedeutungslos empfinden oder sie sich isoliert fühlen und abschotten, können das Zeichen sein. Sich nicht mehr zugehörig zu fühlen, ist einer der wichtigsten Treiber für Suizid.» Menschen, die das Gefühl haben, für andere nur noch eine Last zu sein, Menschen in tiefen Lebenskrisen, Menschen, die den Verlust eines geliebten Angehörigen nicht überwinden, können gefährdet sein.

Oft stehen auch Depressionen mit Suizidgedanken in Verbindung. «Immer aber braucht es auch Menschen, die sich nicht scheuen, das Thema anzusprechen, die nachfragen und echtes Interesse zeigen, um zu erfahren, ob jemand sich umbringen möchte», betont Baumgartner.

Anonymität ist gewährleistet

Weitverbreitet ist gemäss Baumgartner die Ansicht, dass bei Suizidgefährdeten immer und sofort professionelle Hilfe angesagt ist. «Ebenso wichtig wie das psychologische und ärztliche Fachwissen sind aber beherzte Menschen, die sich die Not von Suizidgefährdeten anhören, mit Offenheit, Respekt und echtem Interesse am Gegenüber. Das kann letztlich jeder leisten.»

Man könne das gesellschaftliche Problem der Suizidalität nicht nur an Experten delegieren, sondern sollte auch selber zupacken, so Baumgartner. Für suizidgefährdete Menschen seien die Hilfsangebote heute vielfältig. «Unsere Institution wurde vor 60 Jahren vor allem als Suizid-Hotline gegründet. Da wir selber Anonymität gewährleisten, erfahren wir immer wieder, dass es Menschen dadurch deutlich leichter fällt, ihre Suizidgedanken zu äussern.»

In den 50er-Jahren war die Suizidrate in der Schweiz noch doppelt so hoch wie heute. «Unterdessen sind wir zu einem Gesprächsangebot für eine grosse Vielfalt von Anliegen geworden, entsprechend liegt die Anzahl Anrufe, bei denen es um Suizid geht, im Prozentbereich.

Dennoch gibt es täglich eine Handvoll und jährlich rund 2000 Gespräche, die sich unter anderem auch um das Thema Suizid drehen.» Zum 60-Jahr-Jubiläum wurde eben ein Buch veröffentlicht («Die Seelentröster», Orell-Füssli-Verlag), das die Erfolgsgeschichte der Institution nachzeichnet. Es berücksichtigt neue Erkenntnisse neurowissenschaftlicher Forschung und Ergebnisse aus Studien zur Freiwilligenarbeit. «Nach wie vor suchen wir Freiwillige, die sich bei uns engagieren wollen», sagt Baumgartner.

BETROFFENENBERICHT: LEONIE W.*

Kapitel 4

Letzter Ausweg Suizid

Ich werde immer wieder, auch heute noch, von starken Suizidgedanken geplagt. In diesen Momenten ist es mir absolut unmöglich, klar zu denken. Ich befinde mich in einer Abwärtsspirale und bin darin völlig gefangen.

Mir fehlt in diesen Momenten der Sinn meines Lebens, ich fühle mich wertlos, denke, dass ich alles falsch mache und für mein Umfeld nur eine Belastung bin. Ich kann diese Gedankengänge nicht stoppen, die negativen Gefühle haben mich vollständig im Griff.

Ich bin normalerweise ein sehr fröhlicher, positiver Mensch. In diesen Momenten bin ich so pessimistisch und negativ, dass ich als einzigen Ausweg den Suizid sehe. Je mehr ich in diesen Gedanken bin, desto schlimmer werden sie. Im Nachhinein kommen die Schuldgefühle, weil ich diese Suizidgedanken habe. Tatsächlich ist es so, dass ich nicht sterben möchte. Ich möchte einfach Ruhe und eine Pause von allem.

Ich stand schon mehrmals kurz davor, mir etwas anzutun. Abgehalten davon hat mich meine Familie und der Gedanke daran, wie sehr sie darunter leiden würde. Meine Mutter hat mich anfänglich, nach dem Klinikaufenthalt, 24 Stunden betreut und zu mir geschaut, dass ich mir keinen Schaden zufüge. Für meine Familie und insbesondere für meine Mutter ist es eine riesige Belastung.

Sie ist meine engste Bezugsperson und immer da, wenn ich sie brauche. Besonders wichtig ist das, wenn diese Gedanken kommen. Ich rufe sie in diesen Momenten an und sage ihr, dass ich nicht mehr kann.

Sie weiss inzwischen, wie sie damit umgehen muss und was sie für mich tun kann. Mir hilft es, darüber zu sprechen und meine Gedanken zu platzieren. Wenn die Suizidgedanken ausgesprochen werden, ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass der Suizid auch umgesetzt wird. Ich musste jedoch lernen, dass ich meine Gedanken aussprechen darf und dass ich mich nicht dafür zu schämen brauche. Je offener man darüber spricht, desto einfacher ist es auch für das Umfeld. 

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*Name von der Redaktion geändert.