Dr. Barandun, Sie befassen sich seit bald 30 Jahren mit der Lunge und haben 1998 das Lungenzentrum Hirslanden gegründet. Was fasziniert Sie so an diesem Organ?

Ursprünglich wollte ich Herzspezialist werden, bin dann jedoch auf Umwegen zur Lungenmedizin gelangt. Seit ich mich mit diesem Organ beschäftige, bin ich Feuer und Flamme dafür. Die Lunge rückte übrigens erstmals im 19. Jahrhundert in den Fokus der Medizin, als Tuberkulose zu einer verbreiteten Krankheit wurde.

Welche Lungenkrankheiten stehen heute im Fokus der Pneumologie?

Als heutiges «Schreckgespenst» gilt der Lungenkrebs, der in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat. Oftmals haben die Betroffenen erst Symptome, wenn er bereits fortgeschritten ist.

Ebenfalls zugenommen hat die chronisch obstruktive Lungenkrankheit COPD (chronic obstructive pulmonary disease). Risikofaktor Nummer eins ist sowohl beim Lungenkrebs wie auch bei COPD das Rauchen. Sehr gute Aussichten haben heute aber Asthmatiker. 95 Prozent der Betroffenen können wir so behandeln, dass sie eine gute Lebensqualität haben.

Etwa Jedes 14. Kind und jeder 8. Erwachsene sind in der Schweiz von Asthma betroffen. Obschon die Krankheit so verbreitet ist, wird die Diagnose häufig erst spät gestellt. Weshalb?

Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie Asthma haben. Sie werden oftmals lange wegen eines chronischen Hustens mit symptomatischer Therapie behandelt. Wichtig zu wissen ist, dass Asthma nicht zwangsläufig mit Atemnot einhergehen muss. Sehr viele Betroffene haben «nur» Husten und keine Atemnot.

Wie lässt sich Asthma zuverlässig diagnostizieren?

Die wichtigsten Diagnose-Methoden sind der Lungenfunktionstest und ein sogenannter Provokationstest. Beim Lungenfunktionstest wird das Atemvolumen sowie die Geschwindigkeit beim Ausatmen gemessen.

Bei einem Asthmatiker kann dieser Test ausserhalb eines ungenügend eingestellten Asthmas völlig normal ausfallen. Deshalb wird beim Provokationstest ein Medikament zum Inhalieren verabreicht, das eine Bronchialverengung erkennen lässt. Nur bei Asthmatikern sinkt die Lungenfunktion. 

Asthma ist eine chronische Entzündung der Bronchien. Welche Therapieoptionen stehen den Betroffenen zur Verfügung?

Wir haben heute eine sehr gute Palette an Medikamenten für die verschiedenen Asthmaformen. Die Therapie hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab und richtet sich nach einem Stufenschema. Bei leichtem und mittelschwerem Asthma werden bronchienerweiternde Substanzen sowie Kortison zum Inhalieren verabreicht. Gleichzeitig müssen die auslösenden Faktoren beseitigt werden.

Kortison lehnen viele Menschen aus Angst vor Nebenwirkungen ab. Was sagen Sie Ihren Patienten?

Kortison wird bei der Inhalationstherapie nur lokal in den Bronchien deponiert und gelangt nicht in den Blutkreislauf oder Körper.

Es hilft, die ständige Entzündungsbereitschaft in den Atemwegen abzuschwächen, und kann auch bei Kindern bedenkenlos angewendet werden. Wichtig ist, dass wir vermeiden, dass das Asthma unkontrolliert wird und eine Kortisontherapie mit Tabletten oder Spritzen nötig wird.

Bei der schweren Form von Asthma hat bislang meist nur die erwähnte orale Kortisontherapie geholfen. Wie haben sich die Therapieoptionen hier verbessert?

Uns stehen mit der sogenannten Antikörpertherapie ganz neue, sehr gut verträgliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Damit können wir schweres Asthma so behandeln, dass es in eine leichte bis mittelschwere Form übergehen kann und die Betroffenen auf die Einnahme von Kortison verzichten können. 

Studien zeigen, dass sechs von zehn Asthmatikern ihre Medikamente falsch inhalieren und unter Husten oder Anfällen leiden, die vermeidbar wären …

Die korrekte Inhalation muss man schulen und üben, damit das Medikament seine volle Wirkung erzeugen kann.

Es ist Aufgabe des Arztes, den Patienten in der Handhabung mit dem Inhalator zu unterrichten. Das Medikament muss bis in die tiefsten Verzweigungen der Bronchien gelangen.

Was raten Sie Asthmatikerinnen, die schwanger werden möchten?

Durch die hormonelle Umstellung kann sich der Schweregrad des Asthmas verändern. Hier gilt die Ein-Drittel-Regel: Bei einem Drittel bleibt es gleich, bei einem Drittel wird es besser und bei einem Drittel verschlechtert sich das Asthma.

Um jene Schwangeren mit einem schlechter werdenden Asthma zu identifizieren, kontrollieren wir in der Schwangerschaft engmaschiger. Wichtig ist, dass auch während der Schwangerschaft weiter mit inhalierbarem Kortison inhaliert wird. Für das Ungeborene ist das inhalierte Kortison ebenfalls unschädlich.