■ Ist Haarverlust nach wie vor ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?
Prof. Dr. med. Ralph M. Trüeb: Haarverlust ist kein Tabuthema in unserer Gesellschaft, sonst wäre seit jeher nicht ein grosses Geschäft damit gemacht worden. Das Problem ist eher, dass in der überwiegenden Mehrzahl der Betroffenen der Frisör oder der Apotheker erste Ansprechpartner sind, die nicht über die entscheidende Kompetenz verfügen können, Haarausfallursachen richtig zu erkennen und entsprechend effektiv zu behandeln. Leider tun sich auch viele Ärzte schwer mit Haarausfall, weil ihnen die entsprechende Ausbildung fehlt. Dementsprechend wird in der Behandlung von Haarausfall oft wertvolle Zeit verloren, bevor eine angemessene Beratung und wirksame Behandlung einsetzt.

■ Was kann man vorbeugend machen, um Haarausfall zu vermeiden?
Die weitaus häufigste Ursache von Haarausfall bei sonst gesunden Menschen ist der erblich bedingte Haarausfall. Da dieser überwiegend genetisch bedingt ist, können die Allgemeinmassnahmen für die Gesunderhaltung der Haare, wie richtige Ernährung, Meiden von Zigarettenrauchen, Meiden von extremer Sonneneinwirkung, Stressbewältigung und angemessener Haarpflege, die natürliche Entwicklung nur bedingt beeinflussen. Wichtig ist die Früherkennung von Haarausfall und die Einsicht, dass es sich bei der entsprechenden Therapie um eine Dauerbehandlung handelt.

■ Wie kann man bei bereits eingesetztem Haarverlust gegensteuern?
Es stehen mit Minoxidil und Finasterid wirksame Medikamente zur Verfügung, die sowohl das Fortschreiten von Haarverlust verhindern können, als auch bereits verlorene Haare zu einem gewissen Grad wiederherstellen können. Wiederum ist der Zeitpunkt, an dem die Behandlung einsetzt, im Verhältnis zur Dauer und Ausprägung des Haarverlustes entscheidend.Voraussetzung für ein Wiederwachstum von Haaren ist, dass noch Haarwurzeln vorhanden sind. Dies ist beim Spezialisten mittels Auflichtmikroskopie leicht zu erkennen. Ebenso wichtig ist, die wirksame Therapie bei Erfolg fortzusetzen und den Erfolg zu fotodokumentieren, um bei Bedarf entsprechend wieder gegenzusteuern.

■ Welche Optionen gibt es ausser einer Haartransplantation, um wieder volles Haar zu bekommen?
Die Eigenhaartransplantation stellt die einzige definitive medizinische Massnahme in der Behandlung definierter Kahlstellen im Rahmen des erblich bedingten Haarausfalls bei Mann und Frau. Sie setzt eine Vorbehandlung mittels der oben genannten medikamentösen Behandlung über mind. 6 Monate bis 1 Jahr voraus, um abzusehen, wie viele Haare wieder wachsen können. Sie stellt keine Alternative zur medikamentösen Behandlung dar, da diese nach Transplantation konsequent fortzuführen ist, damit neben den bleibenden Transplantaten die noch vorhandenen eigenen Haare nicht ausfallen. Sonst müsste innerhalb von 5 Jahren nachtransplantiert werden.

"Voraussetzung für ein Wiederwachstum von Haaren ist, dass noch Haarwurzeln vorhanden sind."

■ Wird man bei einem kahlköpfigen Vater (als Mann) zwangsläufig auch unter Haarausfall leiden?
Haarausfall ist zwar erblich, da allerdings mehrere Gene eine Rolle spielen, ist die Ausprägung im Einzelfall innerhalb betroffener Familien sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass die Prognose mit Vorsicht zu stellen ist, je grösser die Anzahl Betroffener in der Familie und je früher der Zeitpunkt ist, an dem die Kahlheit eingetreten ist.

■ Steigt die Zahl von Haarausfallpatienten oder sinkt sie?
Die Zahl Haarausfallpatienten steigt nicht etwa, weil Haarausfall häufiger geworden wäre, sondern weil man durch das Entfallen schwerer wiegender Gesundheits- und sonstiger Probleme in unserer modernen Luxusgesellschaft auf den Zustand der Haare mehr achtet.
Zudem erreichen immer mehr Menschen ein höheres Lebensalter in einem relativ guten Gesundheitszustand. Nicht zuletzt besteht der Wunsch, möglichst lang gesund und jugendlich zu erscheinen. Der Zustand der Haare, wie der Haut, spielt hier eine grosse Rolle und treibt die entsprechende Industrie an.

■ Gibt es neue Erkenntnisse zum Thema Haarverlust?
Neue Erkenntnisse zum Thema Haarverlust zielen darauf hin, Veränderungen der Haarmenge und Haarqualität als multifaktoriell anzusehen und entsprechend darauf zu achten, den Zustand der Haare durch einen kombinierten Ansatz zu optimieren, d.h. Kombination von Haarwuchsmitteln wo angezeigt, optimale Ernährung für das Haar und richtige Haarpflege.
Insbesondere im Alter wirkt sich der allgemeine Gesundheits- und Ernährungszustand auf die Haare aus, nicht selten werden die Symptome zugrunde liegender Erkrankungen, wie Schilddrüsenunterfunktion, Medikamentennebenwirkung oder Mangelernährung nicht als solche erkannt und behandelt, sondern einfach auf das Alter zurückgeführt.

■ Was tun Sie selbst für Ihre Haarpflege?
Die Haarpflege stellt die häufigste Form der Haarbehandlung dar und richtet sich nach dem Zustand der Haare und der Kopfhaut sowie individuellen Bedürfnissen. Bei dünnen Haaren und fettiger Kopfhaut, wird man zum Beispiel ein Shampoo wählen, das sich für die tägliche Haarwäsche eignet und die Haare durch die enthaltenen Conditioner nicht übermässig beschwert. Bei reizbarer Kopfhaut wird man wiederum Shampoos wählen mit reizlindernden Wirkstoffen, wie Hamamelis oder Cardiospermum, und die wohl wirksamsten Shampoowirkstoffe sind solche, die man gegen Kopfschuppen einsetzt, wie Zinkpyrithion und Ketoconazol.
Die Rolle der Shampoobehandlung ist dabei nicht zu unterschätzen, da Entzündungszustände der Kopfhaut Haarausfall verstärken können, und bereits 15 Minuten Kratzen zu Haarabbrüchen führt. Schliesslich ist die Shampooformulierung entscheidend, da kurze Kontaktzeit und Produktekomfort eine wesentliche Rolle spielen, dass das Shampoo auch konsequent für den Erfolg angewendet wird.