Was sind die häufigsten Problembereiche, wenn man von mit HIV infizierten Frauen spricht?
Mehr als die Hälfte der HIV-positiven Frauen in der Schweiz sind Migrantinnen und besonders häufig stammen sie aus Ländern in Afrika südlich der Sahara. Gerade Migrantinnen können oft bereits mit zahlreichen Problemen konfrontiert sein, wie unklarem Aufenthaltsstatus, Sprachproblemen und dem Umgang mit einem anderen Lebensstil.

In der Schweiz sind HIV-positive Frauen bei der Erstdiagnose grossenteils im Alter zwischen 25 und 40 Jahren und damit 5 bis 10 Jahre jünger als HIV-positive Männer. Das heisst, die Erstdiagnose fällt in eine Zeit, in der sie ganz wichtige Entscheidungen im Leben fällen müssen – auch die Frage der Familienplanung.

Mit welchen Vorurteilen müssen sich Frauen mit HIV in der Schweiz im täglichen Leben auseinandersetzen?
Noch immer wird HIV in der Bevölkerung mit Menschen in Verbindung gebracht, die schon vor dem Auftreten von AIDS ausgegrenzt und diskriminiert waren, wie homosexuelle Männer und Drogenkonsumenten/-konsumentinnen.

Tatsächlich hat sich die Mehrzahl der HIV-positiven Frauen heterosexuell infiziert und häufig ist der eigene, feste Partner die Infektionsquelle. Zudem ist das Wissen über die effektiven Infektionswege noch nicht überall in der Bevölkerung ausreichend verankert. Viele Patientinnen verheimlichen ihre Infektion, manche sogar vor Verwandten und engsten Freunden. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie Kinder haben. Dabei haben sich die Lebensaussichten dank moderner Medizin drastisch verbessert.

Wer sich heute mit HIV infiziert, hat bei rechtzeitig begonnener und konsequent durchgeführter HIV-Therapie gute Chancen auf eine annähernd normale Lebenserwartung bei guter Lebensqualität. Das Vollbild Aids gilt mittlerweile als vermeidbare Komplikation der HIV-Erkrankung. Dennoch sitzt in der Bevölkerung, aber oft auch bei den Betroffenen selbst noch ein Bild tief, das HIV/AIDS in Zusammenhang mit ausgemergelten, sterbenden Menschen bringt.

In der Schweiz dürfte mittlerweile bekannt geworden sein, wie radikal sich die Krankheit dank der antiretroviralen Therapie gewandelt hat. Aber Migrantinnen kommen oft aus Ländern, in denen dieses «alte Bild» von HIV noch teilweise seine Berechtigung hat. Das erhöht ihre Angst vor der Krankheit und vor einer Stigmatisierung, deshalb halten sie ihre Diagnose häufig geheim.

Wie verkraftet eine Frau psychisch die Diagnose HIV?
Ein positives Testergebnis trifft Frauen häufig gänzlich unvorbereitet. Hinzu kommt noch, dass nicht selten die Diagnose während einer Schwangerschaft gestellt wird. Äusserst wichtig ist, dass die Frau nach den ersten Gesprächen sehr genau informiert ist über die positiven Entwicklungen, welche die antiretrovirale Therapie mit sich gebracht hat. Dennoch führt die plötzliche Konfrontation mit der Diagnose oft zu einer grossen Verunsicherung.

Viele Frauen stellen sich die Frage, wie nahe stehende Personen, insbesondere der Partner reagieren, zumal er selbst infiziert sein könnte. Es gibt Hinweise, dass bei einem Drittel bis zur Hälfte aller HIV-Positiven im Laufe ihres Lebens depressive Symptome auftreten und dass HIV-positive Frauen davon häufiger betroffen sind.

Wie lässt sich eine HIV- Erkrankung mit einer Schwangerschaft vereinbaren?
Eine HIV-Infektion ist heute kein Grund mehr, auf Kinder zu verzichten. Eine HIV-Übertragung von der Mutter auf das Kind kann durch ein Bündel von Massnahmen bei konsequenter Durchführung bis auf ein Restrisiko von unter 0,5 Prozent gesenkt werden. Falls eine schwangere HIV-positive Frau noch nicht unter HIV-Therapie steht, sollte sie während der Schwangerschaft damit beginnen.

Nach der Geburt wird dem Baby vorsorglich noch wenige Wochen lang ein antiretrovirales Medikament gegeben. Aufs Stillen sollte wegen des auch damit verknüpften HIV-Übertragungsrisikos beziehungsweise einer verlängerten Weitergabe der antiretroviralen Medikamente über die Muttermilch verzichtet werden.