In der Krebsforschung geht es mit grossen Schritten voran. Die neue «Wunderwaffe» heisst Immuntherapie. Ihr Prinzip basiert darauf, das Immunsystem des Patienten zu nutzen, um Krebszellen zu erkennen und anzugreifen.

Immuntherapien sind in vielen Indikationen viel wirksamer und verträglicher als die bisherigen Therapien.

Obwohl die Idee nicht neu ist, hat die Therapiestrategie erst vor Kurzem den Weg in die Krebsbehandlung gefunden. Ihre Vorteile gegenüber den herkömmlichen Therapien: «Immuntherapien sind in vielen Indikationen viel wirksamer und verträglicher als die bisherigen Therapien. Die Patienten sprechen besser darauf an. Die neuen Therapiestrategien ermöglichen die Langzeitkontrolle und führen zuweilen auch zur Heilung von einzelnen Krebserkrankungen wie zum Beispiel Schwarzer Hautkrebs, die bis anhin als unheilbar galten», weiss Prof. Dr. med. Adrian Ochsenbein, Klinikdirektor der Medizinischen Onkologie an der Universität Bern.

Mit Checkpoint-Inhibitoren gegen Krebs

Eine vielversprechende Strategie der Immuntherapie sind sogenannte Immunmodulierende Antikörper beziehungsweise Immune Checkpoint Inhibitors. Diese am weitesten entwickelte Immuntherapieform hat die Prognose bei verschiedenen Tumorerkrankungen wesentlich verbessert.

«Trotz Chemotherapie sind die Patienten mit metastasierenden Melanomen im metastasierenden Stadium meist innerhalb kurzer Zeit verstorben. Durch die Immuntherapie kann nun ein Langzeitüberleben bei 25 bis 40 Prozent der Patienten erreicht werden, ein Teil der Patienten kann sogar geheilt werden», so der Facharzt.

Kam die immunmodulierende Therapie anfangs ausschliesslich bei Melanomen zum Einsatz, ist sie mittlerweile auch für die Behandlung von Lungenkrebs, Nierenkrebs, Harnblasenkrebs, Hals-Nasen-Ohren-Krebs sowie von gewissen Lymphomen-Arten zugelassen.

Und so funktionieren die Checkpoint-Inhibitoren: Im Immunsystem gibt es verschiedene Kontrollpunkte, die dessen Überfunktion gegen gesunde Zellen verhindern. Einige Tumoren senden gezielt Signale aus, um die «Checkpoints» zu bremsen und die Immunabwehr auszuschalten.

Medikamentös verabreichte Checkpoint-Inhibitoren lösen dieses Problem, indem sie das Immunsystem wieder ankurbeln. «Von dieser Gruppe von verschiedenen Molekülen sind aktuell zwei Checkpoints therapeutisch angehbar. Durch Blockierung des einen Immun-Checkpoints werden Killerzellen in Lymphknoten stimuliert und aktiviert. Der andere aktiviert bereits im Tumor enthaltene T-Zellen», erklärt Professor Ochsenbein.

CAR-T-Zellen spüren getarnte Krebszellen auf

Eine weitere Fortschrittswelle in der Krebsimmuntherapie haben die sogenannten CAR-T-Zellen (CAR = chimeric antigen receptor) ausgelöst. Tumoren sind für das Immunsystem häufig unsichtbar. Indem sie sich tarnen, können sie sich ausbreiten.

Das künstliche CAR-Molekül macht sie ausfindig und beseitigt sie. Bei der autologen T-Zelltherapie werden die körpereigenen T-Zellen des Patienten ähnlich wie bei einer Gentherapie mit dem CAR-Molekül versehen und – nachdem die CAR-T-Zellen im Reagenzglas vermehrt wurden – dem Patienten zurücktransferiert. «Diese Therapie führt bei Patienten mit akuten Leukämien und Lymphomen zu ganz erstaunlichen Ansprechraten, die über viele Jahre anhalten», weiss Ochsenbein.

Dennoch seien an dieser Stelle auch die Nebenwirkungen der beiden beschriebenen Therapiestrategien erwähnt: Bei der CAR-T-Zelltherapie reagiert das Immunsystem noch häufig zu stark und es kommt zu einem Zytokin-Sturm mit hohem Fieber und Blutdruckabfall.

Bei der anfangs beschriebenen immunmodulierenden Antikörpertherapie kommt es vor, dass sich die T-Zellen gegen die inneren Organe richten. Die Nebenwirkungen sind jedoch in beiden Fällen medikamentös behandelbar.

Potenzial und Herausforderungen

Die Immuntherapie steht trotz ihrer grossen Erfolge, die sie in kürzester Zeit erzielt hat, erst am Anfang.

Während immunmodulierende Antikörper bereits zur Standarttherapie bei verschiedenen Krebserkrankungen gehören, wurde erst kürzlich die erste CAR-T-Zelltherapie zur Behandlung von Blutkrebs bei Kindern und jungen Erwachsenen in den USA zugelassen.

Ochsenbein ist sich gewiss: «Die Immuntherapie steht trotz ihrer grossen Erfolge, die sie in kürzester Zeit erzielt hat, erst am Anfang. Wir müssen herausfinden, weshalb ein bedeutender Prozentsatz der Patienten nicht auf die Therapien anspricht.

Bei den Checkpoint-Inhibitoren zum Beispiel gibt es noch eine riesige Anzahl von Molekül- und Molekülkombinationen zu erforschen». Eine weitere Hürde sind die ausserordentlich hohen Medikamentenkosten. Denn was nützt die beste Therapie der Welt, wenn die Gesellschaft keinen Zugang dazu hat?