Viele Männer leiden daran, doch sie sprechen kaum darüber. Allein in der Schweiz erkranken laut Angaben der Krebsliga Schweiz pro Jahr fast 5800 Männer an Prostatakrebs. Vielen ist unbekannt, dass diese Krebsart mit 30 Prozent der Krebsdiagnosen bei Männern zu den häufigsten überhaupt zählt. Meist trifft es Männer über 50, über die Hälfte ist 70 Jahre oder älter. Doch das Alter verringert nicht ihre Furcht, aufgrund der Krebserkrankung auch an Impotenz und Inkontinenz zu leiden. Und dabei ist es gar ein Tabuthema für viele Ärzte, mit ihren Patienten dieses sensible Thema anzusprechen. Ein grosser Fehler: Denn oft ist die Angst unbegründet und tritt der Fall ein, gibt es erprobte Massnahmen, die ein erfülltes Alltags- und Liebesleben ermöglichen.  

Aggressiver Verlauf steigert ­Risiko
Impotenz-Gefahr besteht in hohem Masse nur dann, wenn es sich um einen aggressiven Tumor handelt und eine radikale Prostatatektomie vorgenommen werden muss. Hierbei wird die ganze Prostata mit Kapsel, anliegenden Samenbläschen und örtlichen Lymphknoten entfernt. Doch so weit muss es nicht kommen – die meisten Tumore in der Prostata lösen wenige Beschwerden aus. Die Prostata-Drüse liegt unterhalb der männlichen Harnblase und durch sie führt die Harnröhre. Diese Drüse ist dafür verantwortlich, dass Spermien beweglich bleiben. Viele bemerken das Vorhandensein eines Tumors erst, wenn dieser die Harnröhre einengt und entweder einen schwachen Harnstrahl, häufigen Harndrang oder andere Probleme beim Wasserlassen auslöst. Nicht verwechselt werden sollte hier jedoch, dass auch eine gutartige Pros­tatavergrösserung ähnliche Symptome zur Folge haben kann. Nur ein Fachmann kann eine klare Diagnose durch Abtasten und Untersuchungen wie die des PSA-Werts im Blut oder Gewebeproben machen. Eingegriffen wird nur, wenn ein Wachstum des Karzinoms festgestellt wird. Bei einer kleinen Operation, bei der die Prostata ausgehöhlt wird, gibt es laut Experten kaum Erektionsstörungen. Und das, obwohl die Ejakulation rückwärts in die Blase statt nach aussen geht. Auch bei der radikalen Prostatatektomie kommt es nur in 60 bis 100 Prozent der Fälle zu einer Impotenz, insofern beide Seiten der Prostata entfernt werden.

Potenzmittel helfen
Wie viele Patienten tatsächlich an Impotenz leiden, ist unklar. Denn Statistiken basieren auf Fragebögen, von deren Anonymität so mancher nicht überzeugt ist. Klar ist: Mit Erektionsstörungen ist nach jeder radikalen Prostatatektomie zu rechnen. Teilweise wird deshalb befürwortet, dass noch während der Hospitalisation so früh wie möglich Potenzmittel verabreicht werden, damit sich die Gefässe öffnen. Den zuständigen Mediziner darauf anzusprechen, ist in jedem Fall ratsam. Wie gross der Bedarf an Informationen darüber ist, zeigt nicht nur die Häufigkeit der ungewollten Potenzmittelangebote in der Mailbox. Mit den gängigen Tabletten machen viele Betroffene gute Erfahrungen. Zudem raten manche zu einer Injektion in den Schwellkörper des Penis. Die Verwendung einer Penispumpe ist hingegen nicht ganz ungefährlich. Hierbei wird ein Zylinder über den Penis gesteckt und in Verbindung mit einer Pumpe eine Saugwirkung erzielt. Falsch angewandt, kann es zu Schäden an den Gefässen kommen. Letztlich steht noch die Option einer Penisprothese offen. Erfahrungsberichte zeigen auf jeden Fall, dass dank dieser Hilfsmittel Prostatakrebspatienten ein befriedigendes Liebesleben geniessen können – auch wenn es geplant werden muss.

Inkontinenz für viele ­unerträglich
Deshalb ist nicht überraschend, dass im Nachgang einer radikalen Operation die häufige Folge der Inkontinenz viele Betroffene stärker als Impotenz belastet. Windeln zu tragen und sich in der Öffentlichkeit immer mit dem Gedanken an die Blase konfrontiert zu sehen, empfindet mancher als erniedrigend. Nicht zuletzt aus Scham wird hier meist erst ein Experte konsultiert, wenn die Situation als unerträglich betrachtet wird. Und hier ist eine Lösung komplexer: Es gibt die Möglichkeit einer Implantation eines künstlichen Blasenschliessmuskels. Dabei werden eine Manschette um die Harnröhre, ein Ventil in den Hodensack und ein Ballon als Reservoir in den Unterbauch gelegt. Allein die Beschreibung lässt viele zurückschrecken, doch das Prinzip verspricht ­grosse Erleichterung.