Wie, Frau Reilly, erklären Sie einem Laien den Begriff Inkontinenz?
Vorerst: Inkontinenz ist eigentlich ein schrecklicher Begriff und leider nach wie vor ein grosses Tabuthema. Als Urologin beschränke ich mich im Folgenden auf die Harninkontinenz. Darunter versteht man einen unfreiwilligen Abgang von Urin. Das passiert immer wieder am falschen Ort und zur falschen Zeit. Also nicht auf dem WC wie üblich, sondern beispielsweise im Tram oder im Restaurant. Da der Urinabgang von den Patientinnen und Patienten nicht kontrolliert werden kann, leiden sie unter einer grossen psychischen und sozialen Belastung. In bestimmten Berufen, etwa bei Bus- oder Taxifahrern, kann eine Inkontinenz im Extremfall bis zur Berufsaufgabe und sozialer Isolation führen. Bei älteren Leuten stellen wir fest, dass sie sich manchmal kaum mehr aus dem Haus trauen. Viele Patientinnen und Patienten berichten auch von einem gestörten Sexualleben und von Beziehungsproblemen mit dem Partner oder der Partnerin.

Ist denn der Hausarzt in jedem Fall die erste Ansprechperson?
Grundsätzlich ja. Gleichzeitig wage ich zu behaupten, dass das Thema beim Hausarzt ebenfalls noch Tabucharakter hat. Viele Patienten trauen sich nicht, von ihren Problemen zu berichten, und auch für den Hausarzt ist es oft nicht einfach, das Thema von sich aus anzusprechen. Verstehen Sie mich jetzt richtig. Das ist beileibe keine Schuldzuweisung, im Gegenteil. Die Erfahrungen zeigen aber, dass es für Betroffene oft einfacher ist, das Problem beim Spezialisten anzusprechen, der für sie meist weniger vertraut ist. Das mag paradox klingen, ist aber oft die Realität. Wenn es dann gelingt, das Tabu zu brechen, ist ein erster und entscheidender Schritt getan.

Welche Ursachen liegen einer Inkontinenz zugrunde?
Dazu muss man erst einmal festhalten, dass eine Inkontinenz sowohl bei Kindern wie auch bei Frauen und Männern auftreten kann, also in jedem Lebensalter. Bei Kindern liegt die Ursache meist in einem angeborenen anatomischen Problem. Bei Frauen kommt es oft zu einer Beckenbodenschwäche nach mehreren Geburten. Beim Mann kann eine Inkontinenz durch ein Prostataleiden bedingt sein. Dann gibt es die Gruppe neurologischer Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson und Paraplegien. Eine wichtige Rolle spielen auch psychische Erkrankungen und Demenz­erkrankungen, die in der Regel mit kognitiven Einschränkungen der geistigen Fähigkeiten verbunden sind. Eine Inkontinenz kann schliesslich auch durch Infekte oder Tumoren ausgelöst werden, beispielsweise im Fall von Blasenkrebs.

Wie kann eine Inkontinenz therapiert werden?
Da kann ich nicht genug betonen, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt. Es können zum Beispiel wirksame Medikamente verschrieben werden. Eine weitere Option ist das Einlegen eines Blasenschrittmachers, ambulant und in Lokalanästhesie. Dieser kontrolliert die Blase, und ich kann künftig dann das WC aufsuchen, wenn es mir passt. Eine weitere Möglichkeit ist eine Behandlung mit Botox. Damit kann eine Blasenschwäche therapiert werden. Zudem gibt es heute zahlreiche kassenpflichtige Hilfsmittel wie beispielsweise Einlagen oder Windeln. In gravierenden Fällen kommt auch die Implantation eines künstlichen Schliessmuskels in Frage. Daneben gibt es aber viele minimalinvasive Verfahren, die den Betroffenen Hilfe verschaffen.

Dann könnte man sagen, Inkontinenz lässt sich problemlos behandeln.
Grundsätzlich ja. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn wie gesagt: Inkontinenz wird nach wie vor tabuisiert. Viele Patientinnen fürchten sich auch davor, dass die Diagnostik unangenehm und schmerzhaft sein könnte. Die Urologie und Eingriffe im Intimbereich werden häufig noch mit Kathetern assoziiert. Dem ist aber überhaupt nicht so. Mit wenig Zeitaufwand ist heute eine Grunddiagnostik schmerzfrei möglich. Wie viele Inkontinenzbetroffene es heute in der Schweiz gibt, weiss man im Übrigen nicht, weil das Thema wie gesagt immer noch tabuisiert wird. Die Dunkelziffer dürfte deshalb hoch sein. Ich schätze, dass schweizweit rund eine halbe Million Frauen und Männer davon betroffen sind.