Herr von Grünigen, können Sie etwas zur zahlenmässigen Entwicklung von Adipositas in der Schweiz sagen?

Heinrich von Grünigen: Der Body-Mass-Index BMI ist gemäss Weltgesundheitsorganisation WHO die international gängige Masseinheit (grösser als 30 = Adipositas), aber er ist nur ein Indikator. Ebenso aussagekräftig ist der Bauchumfang.

Die Tendenz in der Schweiz ist nach wie vor steigend bei den Erwachsenen (12,7 Prozent sind adipös), bei den Kindern und Jugendlichen zeichnet sich eine Konsolidierung ab, allerdings auf zu hohem Niveau.

Worin liegen die hauptsächlichen Gründe, weshalb jemand Adipositas «bekommt»?

Grundsätzlich hat jedes Lebewesen die Fähigkeit, Energie-Reserven in Form von Fett zu speichern (wie der Bär im Winterschlaf), wenn ausreichend Nahrung vorhanden ist, um in Notzeiten überleben zu können.

Nur haben wir heute kaum noch – von Ausnahmen in Krisensituationen abgesehen – echte Hungersnöte in den Industrieländern. Im Gegenteil: Wir leben in einem permanenten Überfluss an energiedichter und hochkaloriger Nahrung, die rund um die Uhr verfügbar ist und überdies intensiv und aggressiv vermarktet wird.

Nur ein kleiner Prozentsatz von Menschen weist effektive genetische Defekte auf, die eine unkontrollierbare Gewichtszunahme bewirken.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Adipositas und Stress?

Auch Stress und Frust können das Essverhalten direkt beeinflussen. Die Mittagspause ist vielenorts kurz, man hat keine Zeit mehr und greift dann notgedrungen auch noch zu ungesundem Fast Food.

Appelle, das Essen zu geniessen und auch langsam zu kauen, nützen herzlich wenig, wenn die Menschen gestresst sind. Und Stoffwechselspezialisten können vermutlich noch einiges über den Zusammenhang von Stresshormonen und Essverhalten erzählen. Hinzuweisen gilt es auch auf Umwelt-Einflüsse, die noch wenig erforscht sind, wie die «endokrinen Disruptoren».

Das sind chemische Stoffe wie zum Beispiel Weichmacher im Plastik, welche ähnliche Funktionen im Körper übernehmen wie gewisse Hormone und damit den Stoffwechsel aus dem Kurs bringen können.


Ein extremer Adipositas-Treiber ist der zu hohe Zuckerkonsum.
 

Täuscht der Eindruck, dass die meisten Kinder, die bereits unter starkem Übergewicht leiden, auch Eltern haben, die mit Übergewicht kämpfen?

Kinder mit übergewichtigen Eltern und Grosseltern neigen tatsächlich eher zu Übergewicht. Dabei spielt auch das Essverhalten der Eltern – als Vorbilder – eine wichtige Rolle. Heute weiss man, dass schon die Ernährung der werdenden Mutter das spätere Körpergewicht des Kindes beeinflussen kann, deshalb setzt Adipositas-Prävention bereits pränatal in der Mütterberatung an.

Kann man sagen, dass sich Adipositas relativ leicht durch eigenes Verhalten vermeiden lässt; dass es aber kaum eine Möglichkeit gibt, Adipositas durch eigenes Verhalten wieder loszuwerden?

Die Frage, wie «leicht» eine Vermeidungs-Strategie fällt, hängt vom Umfeld und der familiären Konstellation ab. Aber die Chance, dass eine reine Verhaltensänderung zur dauerhaften Gewichtsreduktion führt, ist relativ gering.

Je älter ein Mensch ist, desto schwieriger fällt zudem eine Umstellung, denn das angesammelte Fett im Bauchraum, das Viszeral-Fett, entwickelt sich zu einem eigenständigen Organ, das mit hormonellen Botschaften die Nahrungsaufnahme steuert.

Sie sind Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung und wissen aus eigener Erfahrung, wovon Sie reden. Welche Ratschläge geben Sie jemandem, der unter Adipositas leidet und unbedingt davon loskommen will?

Jede Form der Adipositas ist sehr individuell ausgeprägt und hat ganz persönliche Hintergründe. Diese gilt es zu erkunden. Dann muss eine Therapie gefunden werden, die mit der eigenen Lebenssituation in Übereinstimmung steht. Ab einem bestimmten Gewicht werden die Appelle «Beweg dich mehr!» sinnlos, weil der Organismus gar nicht mehr mitmachen kann. Heute ist der chirurgische Eingriff fast immer die einzige Methode, die lang andauernde Erfolge verspricht.

Gibt es auch übergewichtige Menschen, die sich einfach mit ihrem Schicksal abfinden? Und damit vielleicht nicht so schlecht fahren?

Es gibt einen Prozentsatz «gesunde Dicke» von circa 25 Prozent, die zwar viel Gewicht auf die Waage bringen, aber nicht von den üblichen Begleiterkrankungen betroffen sind wie Diabetes, hohem Cholesterin- und Blutzuckergehalt etc.

Was allerdings mit grösster Wahrscheinlichkeit im Alter auftritt, das ist die Abnützung der Gelenke, die zu Arthrose führt.

Was kann die Gesellschaft im Umgang mit Adipositas-Betroffenen besser machen?

Adipositas ist eine Krankheit, die für jedermann «sichtbar» ist. Leider herrscht noch immer in weiten Kreisen die Meinung vor, Dicke seien an ihrem Zustand «selber schuld». Dieser Haltung müssen wir entgegentreten.