In den letzten Jahren haben Ärzte und Wissenschaftler neue diagnostische Verfahren und Therapiemöglichkeiten für Krebspatienten entwickelt. Für eine Diagnosestellung und eine individuell abgestimmte Therapiewahl arbeiten Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten an einem Tumorboard zusammen. «Am Tumorboard besprechen wir den Fall eines betroffenen Mannes. Verschiedene Spezialisten arbeiten gemeinsam eine Empfehlung der nächsten und bestmöglichen Abklärungsschritte oder Behandlungsoptionen aus», betont Dr. med. Aurelius Omlin, Oberarzt an der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St.Gallen.

Tabuthema Prostatakrebs

In der Schweiz erkranken jedes Jahr fast 6100 Männer an Prostatakrebs, rund 1400 Männer sterben daran. Zum Zeitpunkt der Diagnose sind fast alle betroffenen Männer über 50 Jahre alt. Obwohl Prostatakrebs der häufigste bösartige Tumor beim Mann ist, wird diese Erkrankung nach wie vor als Tabuthema behandelt. «Prostatakrebs wird oft mit Impotenz, Inkontinenz und mit dem Verlust der Männlichkeit assoziiert», erklärt Dr. Omlin.

Prostatakrebs im Spätstadium

Wenn der Krebs bereits Metastasen (Ableger) im Körper gebildet hat, ist eine Therapie wie sie im frühen Stadium unter anderem durch lokale Massnahmen (Operation oder Bestrahlung) erfolgt, zurzeit keine Standardtherapie. «Treten beim Prostatakrebs Metastasen im Knochen oder in den Lymphdrüsen auf, ist der Krebs in der Regel nicht mehr heilbar», erläutert der Facharzt. In diesem Stadium gilt die Unterdrückung der Testosteronproduktion als Standardbehandlung. Eine Testosteronunterdrückung kann laut Dr. Omlin entweder chemisch mit einer Hormontherapie oder chirurgisch durch die Entfernung des Hodengewebes erfolgen. Eine neue Kombinationstherapie lässt Prostatapatienten hoffen. «Im letzten Jahr wurden Resultate von zwei grossen Studien vorgestellt, die zeigen, dass eine Hormonsuppression bei Männern durch die Gabe einer zusätzlichen Chemotherapie deutlich verbessert werden kann. Das mittlere Gesamtüberleben konnte im Vergleich zu einer alleinigen Hormontherapie um fast zwei Jahre verlängert werden», betont Dr. Omlin und fährt fort: «Diese Daten sind ein sehr grosser Fortschritt in der Behandlung von Männern mit metastasiertem Prostatakrebs und ändern die Initialbehandlung in der metastasierten Situation zum ersten Mal seit Jahrzehnten signifikant.» Auch wenn keine Heilung erzielt werde, so könne das Leben der Betroffenen deutlich verlängert werden. Selbst nach Versagen einer solchen Therapie stehen den Patienten weitere Therapieoptionen zur Verfügung so zum Beispiel neue Taxantherapien, Hormontherapie und eine Radionuklid knochengerichtete Therapie. Dafür sei ein Umdenken in der Behandlung dieser Männer zwischen Hausärzten, Urologen und Onkologen nötig. «Die betroffenen Männer sollten über die Möglichkeit einer frühen Chemotherapie aufgeklärt werden», fügt Dr. Omlin abschliessend hinzu.

Fortgeschrittener Hodenkrebs

An Hodenkrebs erkranken jährlich rund 390 Männer schweizweit. Es trifft vorwiegend jüngere Männer unter 50 Jahren. Im Gegensatz zum Prostatakrebs sind die Heilungschancen bei Hodenkrebs selbst im metastasierten Stadium üblicherweise sehr gut. «Bei Männern mit fortgeschrittenem Hodenkrebs, das heisst wenn sich an verschiedenen Stellen im Körper bereits Metastasen gebildet haben, wird als Standard eine Chemotherapie durchgeführt, erläutert Professor Dr. med. Silke Gillessen, Leitende Ärztin und Leiterin Klinische Forschungsabteilung an der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St.Gallen. «Mit dieser Chemotherapie kann heute die Mehrheit der betroffenen Männer geheilt werden», betont die leitende Ärztin. Nach einer Hodenkrebsbehandlung werden die Betroffenen regelmässig überwacht. Diese Nachsorge wird einerseits durchgeführt, um frühzeitig einen Rückfall oder einen erneuten Ausbruch der Krankheit zu erfassen, andererseits aber auch, um sogenannte «late toxicities», spät auftretende Nebenwirkungen, zu erkennen und zu behandeln.