Bereits heute gilt sie als Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentungen. In den vergangenen Jahren ist zudem klar geworden, dass Depressionen als chronische Stressfolgeerkrankungen ein Risikofaktor für das Auftreten anderer schwerwiegender Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose, Demenz und Diabetes sind.

Bei einer Depression ist die Kommunikation der Nervenzellen im Gehirn gestört. Rund 100 Milliarden Neurone arbeiten hier in komplexen Netzwerken zusammen

Aber nicht nur deshalb ist eine Depression lebensgefährlich: Täglich nehmen sich in der Schweiz Menschen im Rahmen einer depressiven Erkrankung das Leben. Trotz ihrer enormen Bedeutung für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, werden Depressionen und ihre Vorstufe, das Burn-out, zu selten richtig erkannt und behandelt.

Lediglich ein Zehntel der Betroffenen erhält eine adäquate, das heisst eine wissenschaftlich fundierte und somit wirksame Behandlung. Diese Schieflage wurzelt grösstenteils in der Tatsache, dass Depression nicht gleich Depression ist. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Diagnose eine Vielzahl seelischer und körperlicher Symptome, Ursachen und Krankheitsverläufe.

Sicher ist: Bei einer Depression ist die Kommunikation der Nervenzellen im Gehirn gestört. Rund 100 Milliarden Neurone arbeiten hier in komplexen Netzwerken zusammen. Jede einzelne kommuniziert dabei über ihre Kontaktstellen, die Synapsen, mit bis zu 10'000 anderen Nervenzellen. Wie dies im Detail beim Einzelnen vonstattengeht, ist jedoch noch lange nicht geklärt.

Durch molekularbiologische Gentests und Messungen der Genaktivität, Daten zum Hormonstoffwechsel des Patienten oder zur elektrischen Aktivität seines Gehirns im Schlaf oder durch kernspintomografische Bildgebung wird es möglich sein, Patientinnen und Patienten bezüglich ihrer individuell krankheitsauslösenden Mechanismen in unterschiedlich zu behandelnde Untergruppen einzuteilen.

Personalisierte Medizin bedeutet dann, dass diese individuellen Merkmale eines Patienten bei der Therapieplanung berücksichtig werden. Nehmen wir zum Beispiel die Depression als Folge eines Burnouts durch übermässigen Stress. Dieser führt natürlich längst nicht bei jedem zu einer Erkrankung.

Bei entsprechender individueller Veranlagung aber kann es dazu kommen, dass das Stresshormonsystem entgleist und die Amygdala, eine der wichtigsten emotionalen Schaltzentralen im Gehirn, überreagiert. Dieser Zustand kann durch die richtige Anwendung von Psychotherapie und Medikamenten, welche das entgleiste Stresshormonsystem wieder einrenken, behandelt werden. Aber was hilft bei wem?

Wir arbeiten daran, die molekulargenetischen und biochemischen Mechanismen besser zu verstehen, die einer Psychotherapie zugrunde liegen. Was geschieht im Gehirn während einer Psychotherapie, und wie macht sich dies bemerkbar? Welche Vorhersagemarker für ein günstiges Therapieansprechen lassen sich identifizieren? Und welche Untergruppe von Patienten profitiert wovon am meisten? Auch die Bestimmung der Aktivität der Blut-Hirn-Schranke, welche darüber entscheidet, ob verordnete Medikamente überhaupt in das Gehirn vordringen und wirken können, ist nur ein Beispiel dafür, was heute trotz aller Komplexität schon möglich ist. Wir müssen es nur nutzen.