Nach dem rechtzeitigen Beginn der Therapie zählt das ärztliche Fachwissen über die richtige Kombination sowie Neben- und Wechselwirkungen der Medikamente. Worauf, Herr Günthard, lohnt es sich bei der Arztwahl zu achten?
In erster Linie zählt die Erfahrung in der Behandlung der HIV-Infektion. Heute gibt es immer mehr Aspekte, die in die Therapieüberlegungen einbezogen werden müssen. Viele Patienten haben Koinfektionen, etwa Hepatitis B und C, was die Therapie zusätzlich komplizieren kann. Optimal ist es, wenn sich Patienten in Zentren der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie oder bei Ärzten behandeln lassen, die mit dieser zusammenarbeiten. Dies garantiert, dass die behandelnden Ärzte immer auf dem neusten Stand der Forschung sind.

Mit der HIV-Therapie sollte rechtzeitig begonnen werden. Wie sehen die heutigen Behandlungsmöglichkeiten aus?
Seit 2012 werden praktisch alle HIV-infizierten Menschen behandelt. Ausnahmen gibt es, wenn die Patienten sehr hohe CD4-Helferzellzahlen und eine sehr tiefe Virusmenge im Blut aufweisen. CD4-Zellen sind weisse Blutzellen, welche die Antwort des Immunsystems auf Infektionen steuern. Dass heute früher behandelt wird, hat damit zu tun, dass die neuen Kombinationstherapien viel besser verträglich sind. Zudem hat man herausgefunden, dass auch nicht Aids verursachende Krankheiten wie Herzkreislauferkrankungen und gewisse Krebsarten deutlich weniger auftreten, wenn man HIV-infizierte Menschen frühzeitig behandelt. Ebenso hat sich gezeigt, dass Patienten, die vollständig unterdrückte Viren haben, nicht mehr infektiös sind. Allerdings sollten beim Geschlechtsverkehr weiterhin Kondome verwendet werden, da die Verbreitung anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie zum Beispiel Syphilis und bei homosexuellen Männern zunehmend Hepatitis C durch antiretrovirale Substanzen nicht verhindert werden kann.

Wie verträglich sind die heutigen Medikamente?
Diese Medikamente sind in der Regel gut bis sehr gut verträglich. Gewisse Nebenwirkungen können vor Therapiebeginn durch genetische Tests ausgeschlossen werden. Organschädigungen lassen sich durch regelmässige Laborüberprüfungen frühzeitig erkennen. Dann können die Medikamente entsprechend gewechselt werden.

Wie viele Medikamente müssen regelmässig eingenommen werden?
HIV-infizierte Menschen, die neu eine Therapie beginnen, starten mit einer Einmaltherapie pro Tag. Es gibt Therapien, bei denen drei Substanzen in einer Tablette kombiniert sind. Bei anderen Therapieregimes müssen drei Tabletten zusammen eingenommen werden. Entscheidend für die Wahl der Therapie ist, dass mit dem Patienten das Nebenwirkungs- und Interaktionsprofil mit anderen Medikamenten besprochen wird. Es muss aber klar darauf hingewiesen werden, dass Patienten, die mit einem resistenten Virus infiziert wurden oder ein Therapieversagen gehabt haben, das zu resistenten Viren führte, oft mehrere Tabletten einnehmen müssen und dies zweimal am Tag.

Welche Neben- und Wechselwirkungen können im Verlauf der Therapie auftreten?
Es gibt eine Vielzahl von Nebenwirkungen, auf die hier nicht im Einzelfall eingegangen werden kann. Wichtig ist in erster Linie die grundsätzliche Verträglichkeit der Medikamente. Entscheidend ist, dass die Patienten in regelmässiger Kontrolle bei erfahrenen Ärzten sind. Manchmal muss eine Therapie umgestellt werden. Die Erfahrungen zeigen, dass man heute aber praktisch für alle Patienten eine gut verträgliche Therapie findet.

Um die Wirksamkeit der HIV-Therapie zu gewährleisten, braucht es eine hohe Therapietreue.
Das ist so. Das Wichtigste ist dabei eine positive Einstellung gegenüber den Medikamenten. Dazu braucht es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen dem Behandlungsteam und dem Patienten. Es gibt verschiedene Hilfsmittel, um die Therapietreue zu fördern, zum Beispiel über ein vorgegebenes Handysignal. Wenn man viel unterwegs ist oder an verschiedenen Orten wohnt, können die Medikamente an mehreren Orten deponiert werden.

Ist damit zu rechnen, dass künftig weitere wirksame HIV-Medikamente auf den Markt kommen?
Ja. Zurzeit befinden wir uns in einer produktiven Phase. In den nächsten zwei Jahren sieht es diesbezüglich sehr gut aus. Dies ermöglicht es uns, die Therapien weiter zu optimieren und für jeden HIV-infizierten Menschen eine sehr gute, auf ihn zugeschnittene Therapie zu finden.

 

FACTS
Schätzungen gehen auseinander

 

Trotz aller Bestrebungen für Therapie und Prävention konnte die Zahl der Neuansteckungen mit HIV nicht wirklich reduziert werden.

 

Es gibt jährlich rund 600 gemeldete HIV-Neuinfektionen in der Schweiz. Offen ist die Dunkelzahl.

 

In der Schweiz leben wahrscheinlich zwischen 15 000 bis 20 000 HIV-infizierte Menschen. Wie viele es genau sind, weiss niemand. Die Schätzungen gehen auseinander.

 

Infektionen finden in allen Altersgruppen statt, aber vorwiegend zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr.

 

Rund 45 Prozent der Menschen, die mit HIV infiziert sind, sind homosexuelle Männer, 40 Prozent heterosexuelle Menschen.

 

Hinzu kommen Infizierte, die sich durch intravenösen Drogenkonsum angesteckt haben. Glücklicherweise gibt es heute nur noch sehr wenige Neuinfektionen bei Menschen, die Drogen spritzen, da die Spritzenabgabe-Programme, kombiniert mit Methadon, und Heroinabgabe-Programme in der Schweiz erfolgreich gegriffen haben. Diese Programme haben auch dazu geführt, dass die Weitergabe des HI-Virus von Drogenabhängigen an die heterosexuelle Bevölkerung massiv abgenommen hat, da unter anderem die Drogenprostitution stark zurückgegangen ist.

 


 

HIV: Relativ hohe Verbreitungin der Schweiz

 

Bei der Analyse der HIV- und STI-Diagnose-Meldungen des Jahres 2012 zeigt sich, dass die HIV-Zahlen nach drei Jahren des Rückgangs nicht weiter abgenommen haben, sondern wieder um rund 15 Prozent auf gut 640 Fälle angestiegen sind. Eine genaue Ursache lässt sich nicht eruieren.

Nicht nur bei HIV, sondern auch bei anderen meldepflichtigen und sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie Syphilis, Gonorrhö und Chlamydiose werden zunehmende Fallzahlen verzeichnet, wenn auch nicht in dramatischem Ausmass. «Alle sexuell aktiven Menschen sollten sich deshalb risikobewusst verhalten und sich ausserhalb einer gegenseitig treuen Beziehung konsequent vor Infektionen schützen», betont der Kliniker und Forscher Manuel Battegay. Gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) gehört dazu unter anderem, dass beim Geschlechtsverkehr stets ein Kondom benutzt wird. Ebenso sollte kein Sperma oder Menstruationsblut in den Mund gelangen. Bei Juckreiz, Brennen oder Ausfluss im Genitalbereich muss ein Arzt aufgesucht werden. Ganz speziell gilt diese Empfehlung für Menschen, die sich nach einer länger dauernden festen Beziehung auf einen neuen Partner einlassen.

Beim Arztbesuch ansprechen
In der Schweiz ist die Verbreitung von HIV und Aids in der Allgemeinbevölkerung im Vergleich zu anderen West-Europäischen Ländern relativ hoch: Rund 0,4 Prozent der Bevölkerung sind Träger des HI-Virus. In einigen Gruppen ist es jedoch weitaus stärker verbreitet. Das trifft vor allem auf Männer zu, die Sex mit anderen Männern haben, auf Migrantinnen und Migranten aus Ländern südlich der Sahara sowie auf drogenabhängige Menschen, die intravenös Drogen konsumieren. In diesen Gruppen sind bis zu 5 Prozent und mehr mit HIV infiziert. In den ersten Wochen nach einer Ansteckung steigt die Virenlast rasch an. Deshalb kann in dieser Phase das HI-Virus besonders leicht auf Sexualpartnerinnen und Sexualpartner übertragen werden. Während dieser Periode treten oft Symptome ähnlich einer Erkältung oder einer Grippe auf, das heisst Fieber, Müdigkeit und Kopfschmerzen. «Viele Betroffene, aber auch Ärzte bringen diese Symptome nicht mit der HIV-Infektion in Zusammenhang. Deshalb ist es wichtig, diese bei einem Arztbesuch anzusprechen», sagt Battegay.

Grosse Bandbreite
Durch die Belastung mit dem HI-Virus wird das Immunsystem während des Krankheitsverlaufs immer schwächer. Der Körper zeigt häufiger Anzeichen einer Immunschwäche. In einem späteren Stadium ist das Immunsystem schliesslich so stark beeinträchtigt, dass es lebensbedrohliche Krankheiten nicht mehr abwehren kann. «Wenn bestimmte Krankheiten auftreten, spricht man von Aids», erklärt Battegay. Die Bandbreite dieser «Aids definierenden» Krankheiten ist gross: Sie kann von Krebs bis zu einem Pilzbefall der Speiseröhre reichen. «Deshalb sollte eine antiretrovirale Therapie rechtzeitig, weit vor Ausbruch von Aids begonnen werden», sagt Battegay. Dann ist es den meisten Betroffenen dank neuer Medikamente möglich, trotz HIV ein mehr oder weniger normales Leben zu führen. Sie können berufstätig sein und eine Familie haben. Dessen ungeachtet ist HIV nach wie vor mit einem Tabu behaftet. «Viele Betroffene schweigen immer noch aus Angst vor der Ausgrenzung», weiss Manuel Battegay.