MSM: Männer, die Sex mit Männern haben. Was lässt sich darüber geschichtlich sagen?
Historisch gesehen hat sich der Diskurs so entwickelt, dass im Zusammenhang mit HIV und Aids in den westlichen Gesellschaften zunächst von homo- und bisexuellen Männern die Rede war. Dabei zeigte sich, dass diese Gruppen mit einer definierten sexuellen Identität von HIV und Aids besonders betroffen waren. Sobald man den Blick jedoch ein wenig öffnet, wurde klar, dass Männer aus kulturellen, religiösen oder anderen Gründen durch diese Begriffe nicht mehr angemessen definiert wurden. Sexuelle Identität ist eben nicht identisch mit dem sexuellen Verhalten oder der sexuellen Orientierung. Um auch diese Männer in die Präventionsbemühungen einzubeziehen, wird der Begriff «Männer, die Sex mit Männern haben» verwendet.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat MSM?
Es gibt keine verlässlichen Studien darüber, wie viele Männer, die keine eindeutige homo- oder bisexuelle Identität haben und sich wohl eher als heterosexuell empfinden, tatsächlich auch noch Sex mit Männern haben. Eine New Yorker-Studie, die 2006 publiziert wurde, geht von rund zehn Prozent der sexuell aktiven männlichen Bevölkerung aus.

Weiss man etwas darüber, welche Männer MSM praktizieren?
Nun, anatomisch gesehen kann jeder Mann Sex mit einem anderen Mann praktizieren. Es gibt sicher mehrere Gründe, weshalb ein Mann dies auslebt. Der Hauptgrund ist aber sicher, dass er eine homo-bisexuelle Identität hat. Es kann aber auch Experimentierfreude mit im Spiel sein. Andere Gründe sehe ich darin, dass es in bestimmten Regionen und Kulturen unmöglich ist, sich als schwul zu outen, oder weil gleichgeschlechtlicher Sex aus religiösen Gründen tabu ist. Der Anteil rein homosexueller Männer, die Sex mit Männern haben, dürfte im Übrigen bei rund vier Prozent liegen.

Wie steht es um das Risikoverhalten der betroffenen Männer?
Grundsätzlich kann man sagen, dass sich MSM gut schützen. Gemäss Schweizerischen Studien sind es 80 Prozent aller Männer, die beim Sex regelmässig ein Kondom benützen und sich damit vor einer HIV Infektion schützen. Epidemiologisch gehören MSM aber zu derjenigen Gruppe, die am meisten von HIV und zum Teil auch von anderen sexuellen übertragbaren Infektionen (STI) betroffen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Sexualleben auf einen anderen Mann mit HIV oder STI treffen, ist also viel grösser. Ein ungeschützter sexueller Kontakt kann damit gravierendere Konsequenzen haben, als dies bei den rein heterosexuell liebenden Menschen der Fall ist. Im Bewusstsein, dass MSM von HIV am meisten betroffen sind, wurden in den grossen Schweizer Städten so genannte Checkpoints eröffnet. Und zwar in Basel, Zürich, Lausanne und Genf.