Prof. Dr. med. Stephan Vavricka, täuscht der Eindruck, dass mehr Personen an Glutenunverträglichkeit leiden als früher?

Es ist wichtig, Zöliakie von Glutenunverträglichkeit zu unterscheiden. Beide Krankheiten scheinen an Häufigkeit zuzunehmen. Was daran liegen kann, dass Gluten vor allem ein alkohollöslicher Bestandteil im Weizenprotein ist, der in grossen Mengen mit Normalnahrung aufgenommen wird.

Gluten dient dabei als Klebeeiweiss, das zum Beispiel Teig in Form hält. In der heutigen Zeit wird vor allem Hochertragsweizen produziert, der prozentual mehr Gluten enthält als früher. Dies könnte ein Grund für die Zunahme der Glutenkrankheiten sein.

Wie wird Zöliakie festgestellt?

Üblicherweise durch Bestimmung der Zöliakie-Antikörper. Im Blut werden zum Beispiel die Antitransglutaminase-Antikörper oder Antikörper gegen deamidiertes Gliadin bestimmt. Sind die Tests positiv, wird eine Magenspiegelung mit Dünndarmgewebeproben durchgeführt.

Ist Zöliakie vererbbar?

Zöliakie kann nur in genetisch vorbelasteten Personen auftreten. Es muss das HLA-DQ2/DQ8 vorliegen, was bei 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung vorkommt. In der Allgemeinbevölkerung tritt Zöliakie mit einer Häufigkeit von 1:100 auf. Sobald erstgradige Verwandte befallen sind, ist die Wahrscheinlichkeit 1:10.

Was weist auf die Erkrankung hin?

Häufig Symptome aus dem Magen-Darm-Trakt: Blähungen, Durchfall, auch Eisenmangel. Bei Kindern zeigt es sich durch Wachstumsstillstand, vorgewölbten Bauch, Misslaunigkeit, Durchfall, Erbrechen. Für die Zöliakie gilt eine lebenslange glutenfreie Diät als einziges Mittel. Für Glutenunverträglichkeit sind sich Experten weniger sicher. Es kann Sinn machen, immer wieder mal Glutenhaltiges zu testen.

Wo steht die Forschung heute?

Jetzt werden Medikamente erprobt, die Enzyme im Darm freisetzen, welche Gluten zusätzlich spalten, sodass das Gluten nicht mehr vom Körper als fremdes Eiweiss erkannt wird. Diese Therapien werden innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre auf den Markt kommen. Die Heilung von Zöliakie ist leider nicht in Sicht.

Wie schwer fällt nach der Diagnosestellung die Ernährungsumstellung?

Patienten berichten mir, dass die Diagnose ein Schock ist. Sie lernen jedoch mit glutenfreier Ernährung umzugehen. Insbesondere zu Beginn der Krankheit sollte eine Ernährungsberatung in Betracht gezogen werden.

Bei welchen Lebensmitteln vergisst man oft, dass sie Gluten enthalten?

Patienten vergessen häufig, dass Saucen, Bier sowie Pommes frites und Tortilla-Chips Spuren von Gluten enthalten können, ebenso wie gewisse Lippenstifte, Lippenpomaden und Kinderknetmasse, Vitamin- und Mineralsupplemente sowie Marinaden.

Nahrungsmittelhersteller haben glutenfreie Produkte im Angebot. Ein zufriedenstellendes Sortiment?

Im Bereich von Brotprodukten ausbaufähig. Gewisse pflanzliche Produkte sind in Europa noch wenig bekannt und sollten in den Ernährungsplan aufgenommen werden. Dazu gehören zum Beispiel Quinoa, Amaranth sowie Buchweizen oder Canihua. Weitere glutenfreie Kohlenhydratlieferanten, die im Speiseplan ebenfalls wenig eingesetzt sind: Hirse und Hülsenfrüchte.

Was halten Sie persönlich für ein innovatives neues Produkt?

Ich habe letzthin zum ersten Mal ein glutenfreies Maniokbrötchen gegessen. Diese in Europa üblicherweise nicht eingesetzten Mehlersatzprodukte sollten meiner Meinung nach vermehrt angeboten werden.

Was raten Sie für die Auslandsreise?

Viele Zöliakiepatienten wählen ihre Reise danach aus, ob die Unterkünfte glutenfreie Ernährung anbieten. Im Zweifelsfall kann man sich von eindeutig glutenfreien Lebensmitteln ernähren wie zum Beispiel Zucker, Öl, Butter, Kakao, Nüssen, Kartoffeln, Limonaden, Fruchtsäften, Wein, Reis, Hirse, Buchweizen etc.

Dies gilt aber nur, falls diese Nahrungsmittel nicht mit glutenhaltigem Getreide kontaminiert sind. Ebenfalls glutenfrei sind alle Obstsorten, Gemüse und Salat, Milch und Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Krustentiere, Eier sowie Hülsenfrüchte.