Dadurch werden die an die Prostata angrenzenden Enddarmteile mit deutlich kleinere Strahlendosis belastet. «Dank hoher, fokussiert im Prostatabereich abgegebener Strahlendosen wird eine dauerhafte Tumorkontrolle beim Prostatakarzinom erreicht», sagt der Radio-Onkologe Marcin Sumila. Die direkt der Prostata anliegenden Wandanteile des Enddarms erhalten dabei trotz Verwendung der modernen, intensitätsmodulierten und bildgeführten Bestrahlungstechniken zwangsläufig die gleiche Strahlenbelastung wie die Prostata selber, was zu Nebenwirkungen führen kann. Deshalb wird heute ein wirkungsvolles System angewendet, indem während der Bestrahlung der Prostata temporär ein Abstand zwischen Prostata und Rektumvorderwand geschaffen wird, damit diese weniger von Strahlen belastet wird.

Für den Körper ungefährlich

Das so genannte Space OAR-Gel wird dabei zwischen Prostata und Enddarm injiziert und schafft zwischen diesen Organen eine Distanz von rund einem Zentimeter. Dadurch werden die an die Prostata angrenzenden Enddarmteile mit deutlich geringerer Strahlendosis belastet, was die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Radiotherapiefolgen am Enddarm massiv reduziert. «Beim Space OAR-Gel handelt es sich um ein Polyethylenglykol-Gel (PEG), das aus zwei flüssigen Komponenten besteht und gemischt innerhalb einiger Sekunden zum Gel wird», erklärt der Urologe Alexander Eijsten. Das Gel ist biokompatibel, stabil, abbaubar und bildet keine Wärme. Es ist daher für den Körper ungefährlich. Der Abbau des Gels beginnt nach rund drei Monaten. Appliziert wird dieses Gel unter Ultraschallkontrolle in die Schicht zwischen Prostata und Enddarmwand.

Beschwerden sind gering

«Beim Eingriff wird eine spezielle Ultraschallsonde in den Enddarm eingeführt und in die ideale Position gebracht. Die geeignete Schicht wird mit einer Kochsalzspritze aufgesucht und vorgängig ausgedehnt. Anschliessend wird das Gel injiziert», beschreibt Eijsten das zur Anwendung gelangende Verfahren. Der Eingriff dauert rund 20 bis 30 Minuten. Der Enddarm sollte vorgängig mit einem kleinen Einlauf entleert werden. Zusätzlich kann eine Antibiotikaprophylaxe verabreicht werden. Alexander Eijsten und sein Team führen den Eingriff in einer allgemeinen Narkose durch. Eine alleinige Lokalanästhesie wäre aber auch möglich. Wichtig für die Patienten ist der Hinweis auf allfällige Schmerzen oder Beschwerden. Marcin Sumila gibt diesbezüglich Entwarnung. «Die Beschwerden nach der Applikation sind in der Regel gering. Gelegentlich berichten die Patienten über ein leichtes Fremdkörpergefühl im Enddarm, welches aber innert weniger Tage verschwindet.» Viele Patienten möchten zudem wissen, wann sie ihre üblichen Aktivitäten wie Beruf, Freizeit oder Sport wieder aufnehmen können. Auch da gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. «Die berufliche Arbeit und Freizeittätigkeiten sind bereits einen Tag nach dem Eingriff wieder möglich», sagt Eijsten. Sport kann nach der Lagekontrolle des Gels wieder unbedenklich betrieben werden. Bei der Prostatabestrahlung werden im Vorfeld die Goldmarker und das Space OAR-Hydrogel durch den Urologen eingelegt, ein MRI des kleinen Beckens durchgeführt und ein dreidimensionaler Bestrahlungsplan erstellt. Die Bestrahlungen erfolgen fünfmal pro Woche über 6 bis 8 Wochen. Die einzelne Sitzung dauert in der Regel weniger als 10 Minuten.

Häufig zufällig entdeckt

An Prostatakrebs erkranken in der Schweiz pro Jahr rund 6000 Männer. Damit ist Prostatakrebs die häufigste Krebsart überhaupt. Auf ihn entfallen fast 30 Prozent der Krebsdiagnosen bei Männern. Die meisten Tumoren in der Prostata lösen kaum Beschwerden aus. Aggressive Tumoren können allerdings fortschreiten und Metastasen verursachen. Prostatakrebs wird häufig zufällig bei einer Früherkennungsuntersuchung entdeckt. Zu solchen Untersuchungen gehören das Abtasten der Prostata und die Bestimmung des PSA-Wertes im Blut. Besteht Verdacht auf Prostatakrebs, sollte bei Patienten unter 70 bis 75 Jahren unter örtlicher Betäubung eine Gewebeprobe aus der Prostata entnommen werden. Die Behandlung von Prostatakrebs hängt unter anderem davon ab, wie weit der Tumor sich schon ausgebreitet hat und wie aggressiv er wächst. Bei älteren Patienten mit kleinen, langsam wachsenden Tumoren kann häufig auf eine Therapie verzichtet werden. Ansonsten wird bei einem Prostatakrebs eine radikale Prostataentfernung oder eine Bestrahlung durchgeführt. Bei weiter fortgeschrittenen Tumoren kommen die Testosteronentzugsbehandlung oder eine Chemotherapie in Frage.