Das Leben mit HIV / Aids

Ein normales Leben trotz der Diagnose HIV: Ein Fortschritt, den wir der Forschung zu verdanken haben. Doch nun wird es Zeit, dass auch ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet.
Im Jahr 2013 wurden in der Schweiz 575 neue HIV-Diagnosen gemeldet (im Jahr 2012 waren es 622 Fälle). Insgesamt leben heute rund 25 000 HIV-infizierte Menschen in der Schweiz. Das entspricht etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Westeuropa liegt der Anteil laut der Weltgesundheitsorganisation WHO bei 0,2 Prozent.

Warum ist in der Schweiz der Anteil von HIV-Infizierten doppelt so hoch wie in anderen westeuropäischen Ländern?

Ich vermute, dass in der Schweiz die Stigmatisierung der Risikogruppen – also Homosexuelle und Drogenkonsumierende – nicht mehr so stark ist wie in anderen Ländern. Darum haben Betroffene in der Schweiz möglicherweise eher den Mut, zum Arzt zu gehen, um sich testen zu lassen. Da in vielen Ländern die Homosexualität immer noch ein grosses Tabuthema oder sogar verboten ist, verschweigen viele ihre sexuelle Orientierung und damit ihre Zugehörigkeit zu einer wichtigen HIV-Risikogruppe. Damit steigt dann auch die Dunkelziffer.

Welche Bedeutung hat der Welt-Aids-Tag? Und wie wichtig ist es, die Öffentlichkeit für das Thema Aids zu sensibilisieren?

Der Welt-Aids-Tag soll uns bewusst machen, dass HIV immer noch ein grosses, weltweites Problem und eine schwer belastende Diagnose ist. Obwohl man die Zerstörung unseres Immunsystems mittlerweile verhindern kann, ist die Anzahl der Neuansteckungen in der Schweiz in den letzten Jahren ziemlich konstant geblieben. Im Gegensatz zu den heterosexuellen Menschen nahm die Zahl der Neuansteckungen homosexueller Männer von 2002 bis 2008 deutlich zu. Jedoch liegt sie seither aber konstant bei rund 40 Prozent.

Vor 30 Jahren wurde das HI-Virus als Ursache für Aids entdeckt. Erinnern Sie sich an die Zeit, als es noch keine Behandlung gab?

Oh ja, was ich damals sah, kann ich nicht vergessen. Die Betroffenen waren schwach, zerbrechlich, bis auf die Knochen abgemagert, konnten nicht mehr gehen. Viele litten an Krebs. Auch das Gehirn war oft stark beeinträchtigt oder fast ganz zerstört. Wir konnten nur versuchen, die Symptome zu behandeln, aber gegen das Fortschreiten der Krankheit waren wir machtlos und es blieb uns einzig die Sterbebegleitung. Ende 1995 war es zum ersten Mal möglich, die Krankheitsursache, das Virus, erfolgreich zu bekämpfen. Die Patienten hatten zwar zunächst noch mit einem sehr komplizierten Medikamentenplan und vielen Nebenwirkungen zu kämpfen, aber Sie leben heute verhältnismässig normal.

Heutige Therapien versprechen in ihrer Wirksamkeit verträglicher und schneller zu sein. Was hat sich im Wesentlichen bei der HIV-Therapie in den letzten zehn Jahren verändert?

Den Patienten kann ich heute sagen, dass ihr Leben mit HIV fast gleich gesund und lang bleiben wird wie ohne HIV. Allerdings benötigen sie eine gute Betreuung und müssen motiviert sein, die Therapie regelmässig durchzuführen. Da es die medikamentöse Therapie aber erst seit rund zwanzig Jahren gibt, können wir nicht wissen, wie es mit der Verträglichkeit in weiteren zehn bis zwanzig Jahren aussehen wird. Zudem sind weitere mögliche Langzeitfolgen nicht absehbar. Gerade deshalb müssen wir die Therapie kontinuierlich den neuen Forschungsergebnissen anpassen.

Wenn die heutigen Therapien so gut funktionieren, warum gibt es dennoch Patienten, die ihre Therapieform wechseln?

Es gibt inzwischen über 20 Medikamente gegen die Vermehrung von HIV und es werden neue entwickelt. Die Medikamente werden meist kombiniert und dämmen die Vermehrung der Virenproduktion ein. Vor allem ist es wichtig, die Therapie gut vorzubereiten, durchzuführen und individuell auf den Patienten abzustimmen. Für den Therapieerfolg ist auch die Erfahrung des behandelnden Arztes im Bereich HIV von essenzieller Bedeutung. Im Grunde wird eine Therapie, die gut funktioniert, nicht gewechselt. Wenn ein Patient jedoch unter den Nebenwirkungen leidet oder sich in den Beobachtungsstudien neue mögliche Nebenwirkungen andeuten, lohnt es sich, einen Therapiewechsel in Erwägung zu ziehen.

Und was darf man von der HIV-Therapie in Zukunft erwarten?

Ich gehe davon aus, dass sich die Therapie in 10 bis 15 Jahren nochmals stark weiterentwickelt, verträglicher und einfacher wird. Ich wage sogar zu hoffen, dass es irgendwann möglich sein wird, das Virus ganz aus dem Körper zu verbannen und so die Patienten zu heilen. Pessimistischer bin ich betreffend Verbesserungen bei der Ablehnung der Gesellschaft gegenüber den Betroffenen. Der kommende Weltaidstag ist eine gute Gelegenheit gegen die Diskriminierung Betroffener aufzurufen.