«Zuerst muss man sich bewusst sein, dass 75 Prozent aller psychischen Krankheiten vor dem 25. Altersjahr auftreten. Das heisst, es ist selten der belastende Job alleine, der zu psychischen Problemen führt», erläutert der Fachspezialist Niklas Baer. Was Betroffene unternehmen können, wenn es zu Schwierigkeiten kommt, hänge stark von der jeweiligen Situation ab.

«Wichtig ist sicher, dass man möglichst früh eine professionelle Behandlung aufsucht und nicht wartet, bis die Situation am Arbeitsplatz eskaliert.» Arbeitgeber könnten vielfach nicht einschätzen, was sie dem Mitarbeiter zumuten dürfen und ob er nun wirklich «nicht kann oder nicht will». Solche Situationen enden gemäss Baer oft in der Auflösung des Arbeitsverhältnisses.

«Es ist auch wichtig, dass der Arbeitgeber sieht, dass sich der betroffene Mitarbeiter aktiv bemüht, zum Beispiel um eine möglichst kurze Krankschreibung und dass er lösungsorientiert und offen ist. Arbeitgeber haben normalerweise Verständnis für Krankheiten, aber wenn das Verhalten schwierig wird, ist die Geduld rasch erschöpft.»

Gemeinsames Gespräch zulassen

Arbeitgeber sollten psychisch auffällige Mitarbeiter möglichst rasch ansprechen, betont Baer. «Bei Depression und anderen psychischen Störungen weicht das initiale Mitgefühl relativ rasch einem Ärger oder führt zu Verunsicherung der gesamten Arbeitsumgebung.

Wenn der Vorgesetzte Leistungs- oder Verhaltensprobleme anspricht, sollte er den Mitarbeiter zu Wort kommen lassen, Unterstützung anbieten und gleichzeitig aber auch seine Erwartungen klar kommunizieren.»

Wenn das alles nichts hilft und die Situation schwierig wird, dann sollte der Arbeitgeber den Mitarbeiter auffordern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und ein gemeinsames Gespräch mit dem Arzt zuzulassen, damit geklärt werden kann, welche Aufgaben zumutbar, welche Arbeitsanpassungen nötig sind und wie der Chef mit dem Mitarbeiter umgehen soll. «Kurz gesagt: Der Arbeitgeber sollte nicht nur überlegen, was der Mitarbeiter an Hilfe braucht, sondern er sollte vermehrt überlegen, was er selbst benötigt, um den kranken Mitarbeiter bei erträglichen Belastungen für alle Beteiligten langfristig führen zu können.

Auch der Chef selbst und die Arbeitskollegen sind nämlich oft sehr belastet.» Grundsätzlich, so Baer, sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es gar nicht so wichtig ist, ob jemand eine psychische Störung hat oder nicht, sondern, dass es darauf ankommt, wie man damit umgeht.

BETROFFENENBERICHT: LEONIE W.*

Kapitel 5 

Balanceakt – der Weg zurück ins Arbeitsleben

Vor meiner Depression lebte ich immer über meinem Limit. Ich hatte einen tollen Job bei einem Musiklabel, war erfolgreich und habe immer 150 Prozent gegeben.

Meine Depression hat mich ausgebremst. Ich verlor meinen Job und musste mich neu orientieren. Es war klar, dass ich einen solchen Job, wie ich ihn hatte, nicht mehr werde ausüben können.

Ich hatte dann die Möglichkeit, an einem Wiedereingliederungsprogramm der IV teilzunehmen, und wollte die Ausbildung zur Kleinkinderzieherin starten. Kaum hatte ich damit begonnen, fiel ich erneut in eine Depression und musste meine Pläne über den Haufen werfen. Ich realisierte, wie schwierig es werden würde, den Weg zurück in einen normalen Arbeitsalltag zu finden. In diesem Jahr wagte ich den Wiedereinstieg und nahm einen Job als Projektleiterin in einem Medienunternehmen an. Ich wollte wieder mit Vollgas starten, hatte die Motivation und Lust dazu. Schon nach wenigen Wochen spürte ich, dass ich mich übernommen hatte und dass ich es gesundheitlich nicht packe.

Schlussendlich siegte die Vernunft und ich kündigte. Es war ein Rückschlag für mich und gleichzeitig auch ein Signal, dass ich mich in eine neue Richtung orientieren muss. Jede Überforderung birgt die Gefahr eines Rückfalls. Und diese Gefahr muss ich so klein wie möglich halten.

Inzwischen weiss ich besser, was mir gut tut, und kenne die Anzeichen, die zu einem Rückfall führen können. Beruflich stellt sich mir aktuell ein grosses Fragezeichen. Ich muss für mich einen Weg finden, der es mir ermöglicht, meine Balance zu halten und gleichzeitig meine Fähigkeiten einzusetzen. 

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*Name von der Redaktion geändert.