Die Arbeits- und Lebenswelt habe sich über die Jahrzehnte ohne Zweifel verändert, sagt Dr. Peter Zingg, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH: «Bezüglich der Gesamtbelastung ist die Vergangenheit aber nur vermeintlich besser gewesen.»

Es wird vermutet, dass Depressionen über die Jahre nicht stark zugenommen haben, aber die Diagnose mehr gestellt wird und gewisse gesellschaftliche und persönliche Umstände schwieriger geworden sind. Eindeutige Orientierungspunkte seien zurückgegangen und Traditionen verschwunden, sagt Peter Zingg.

Eine psychische Störung

So habe der Einzelne zwar mehr Möglichkeiten, aber es stellen sich auch mehr Ansprüche an die Selbstverantwortung. Die Bereitschaft, über Depressionen zu sprechen und sich mit Fragen an einen Arzt zu wenden, sei über die Jahre grösser geworden.

Dies sei auch der richtige Weg bei Verdacht auf die Krankheit: «Melden Sie sich bei einer Fachperson und ermuntern Sie auch Angehörige oder Mitarbeitende zu diesem Schritt», fordert Peter Zingg. Die Depression sei nämlich nicht bloss eine vorübergehende Beeinträchtigung, sondern effektiv eine psychische Störung. «Sie lässt sich nicht durch Anstrengung, Mühegeben oder Motivation überwinden und es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten.»

Johanniskraut

Allgemein seien Psychotherapien oder Medikamente gleichermassen wirksam, wobei oft eine Kombination am besten wirke. So könne jeder Patient die Behandlungsform wählen, welche am besten zu ihm passt. Bei schweren Depressionen kommt der Betroffene aber wohl nicht um eine medikamentöse Behandlung herum. Dies könne etwas Geduld erfordern, da Depressionsmedikamente selten sofort wirken und mit einer Wartezeit von zwei Wochen zu rechnen sei.

Eine Alternative zu chemischen Depressionsmitteln ist das Johanniskraut, das in Tablettenform in jeder Apotheke rezeptfrei erhältlich ist. Dieses wirke zwar auf natürlicher Basis, funktioniere aber auf demselben Weg wie andere Mittel und könne darum die gleichen Nebenwirkungen verursachen. Das Kraut sei allerdings nur bei leichten Depressionen empfehlenswert, meint Peter Zingg.

Doch was tut man konkret, wenn man bei einem Angehörigen den Verdacht auf eine Depression hat? Wie soll man sich verhalten? Nachdem man der Person eine Fachstelle empfohlen hat, seien drei Punkte wichtig, sagt der Facharzt: «Erstens die Grundhaltung, dass Depression eine Krankheit ist, zweitens, seine eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen und sich abgrenzen können, und drittens, zu versuchen, den Betroffenen  nicht zu überfordern, ihm aber trotzdem einen Handlungsspielraum zu lassen.»