Sie vertreten die Auffassung, wonach Lerntherapie mehr ist als didaktische Lernförderung.

Das ist so. In der Lerntherapie gehen wir davon aus, dass Lernen durch die denkende, fühlende und handelnde Persönlichkeit geschieht. Das Lernen hat dabei Auswirkungen auf die Persönlichkeit und deren Lernprozess und umgekehrt. Aus diesen Gründen muss die Lernförderung die Persönlichkeit mit einbeziehen, denn Lernen hat eine existenzielle Bedeutung für die eigene Persönlichkeit. Anders gesagt: Die Entwicklung der Persönlichkeit fördert das Lernen, das Lernen wiederum die Entwicklung der Persönlichkeit.

Wie meinen Sie das konkret?

Lernschwierigkeiten sind immer ein Missverhältnis zwischen Persönlichkeit, ihrer Entwicklung und ihrem Umfeld, und Lernen ist immer ein persönlicher Akt. Die Kognition beeinflusst die Emotion und umgekehrt. Lernkompetenz ist dabei Voraussetzung für den Erwerb von Selbstkompetenz. Ich definiere Lernschwierigkeiten als Prozess und Ausdruck der Persönlichkeit. In diesem Sinne sind sie ein Appell, denn Lernverhalten ist immer ein Spiegel der inneren Situation und der eigenen Persönlichkeit.

Welche Muster stehen dabei im Vordergrund?

Lernschwierigkeiten können lerntechnischer Natur sein, aus dem Lernprozess entstehen oder sie ergeben sich aus der Persönlichkeit und deren Hintergründen. Dabei gibt es einerseits funktionale Lernschwierigkeiten, wie zum Beispiel bei Lernenden, die nie gelernt haben, zu lernen. Oder aber Lernende, die Auffälligkeiten im Arbeitsverhalten oder im Umgang mit dem Lernstoff selbst zeigen. Hier sind Denkblockaden, mangelnde Selbstkompetenz, kein Ressourcenzugang oder Versagensängste zu nennen. Die Ursachen für den grössten Teil der Lernschwierigkeiten sind allerdings innerpsychisch zu suchen: Ängste, Überforderungsgefühle, Konflikte, Sorgen, Verdrängung von Problemen und ein geringes Selbstwertgefühl sind Beispiele hierfür. Dank gleichzeitiger Berücksichtigung aller Stufen in der lerntherapeutischen Intervention sprechen wir von einem ganzheitlichen Verständnis des Lernproblems.

Was heisst das konkret?

Es kann zum Beispiel sein, dass der Lernende den Stoff beherrscht, aber im direkten Umgang mit Aufgaben und Prüfungen versagt. Es ist das Ziel der Lerntherapie, die Hintergründe zu erfassen und die Selbstkompetenz zu fördern. Sie dürfen nicht vergessen: Häufige Misserfolge führen zu wenig Selbstvertrauen. Für die Lernenden ist das «Glas halb leer»: «Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich es nicht kann, ich bin zu dumm», sind dann häufige Reaktionen. Man gibt auf, das Selbstvertrauen sinkt noch mehr und man gerät in einen Teufelskreis.

Was dann?

Die therapeutische Beziehung ist die Voraussetzung für die Hilfe zur Selbsthilfe. In der lerntherapeutischen Intervention geht es dann um das dynamische Erspüren von Aus- und Wechselwirkungen. Die Arbeit an bisherigen Mustern bedeutet, sich aus Verstrickungen zu befreien. Das Erarbeiten von Verhaltens- und Lösungsmustern ist dabei von untergeordneter Bedeutung, kann aber auch Teil der Lerntherapie sein. Da wir lebenslang lernen, ist die Lerntherapie eine Hilfe zur Selbsthilfe für jeden Menschen, der seine Lernprobleme lösen möchte, um sein Potenzial umsetzen zu können.