Die medizinische Fachwelt hat bereits vor über 100 Jahren erkannt, dass Antikörper, die für den Organismus nützlich sind, auch an schädlichen Überreaktionen des Immunsystems beteiligt sein können. Dabei tritt genau das Gegenteil dessen ein, was eigentlich das Ziel sein müsste: Die körpereigene Abwehr, die den Organismus unempfindlich oder immun gegenüber Substanzen aus der Umwelt machen sollte, ist stattdessen Verursacher einer Krankheit. «Das Immunsystem kommt dauernd mit Fremdkörpern wie Viren, Bakterien und Pilzen in Kontakt und muss dann entscheiden, welche Organismen beziehungsweise Substanzen harmlos oder gefährlich sind. Das Immunsystem merkt sich dabei in der Regel, welche Stoffe es bereits kennt und als ungefährlich eingestuft hat», erläutert Burkhard Becher von der Universität Zürich. Solche Stoffe werden in der Folge toleriert und lösen keine Beschwerden aus. Wenn sich das Immunsystem indes gegen körpereigenes Gewebe richtet, droht Gefahr für die Gesundheit: Es kommt zu einer sogenannten Autoimmunerkrankung. Das ist bei der multiplen Sklerose (MS) der Fall.

Früh mit Therapie beginnen

Bei MS stuft der Körper die schützende Isolierschicht rund um die Nerven als «fremd» ein, was zu einer Immunreaktion entlang der betroffenen Nerven führt. Diese manifestiert sich in Form von Entzündungen oder Entzündungsherden. «Eine vergleichbare Art der Entzündung können wir bei Hautverletzungen, Akne oder sogar bei Zahnentzündungen beobachten», erklärt Becher. Im Gehirn sehe es bei MS ähnlich aus. «Nachdem die spezifischen Zellen des Immunsystems die Entscheidung getroffen haben, die Krankheitserreger beziehungsweise fälschlicherweise das Nervengewebe anzugreifen, wird dieses mit den dem Immunsystem zur Verfügung stehenden Mitteln attackiert.» Studien belegen, dass vor allem beim Krankheitsausbruch von MS die Entzündungsherde sehr aktiv sind. Um ein Fortschreiten entzündlicher Schädigungen und Schubraten zu reduzieren oder zu vermeiden, wird heute möglichst früh mit einer Therapie begonnen.

Teilweise behandelbar

Wenn die Entzündung nachlässt, treten Reparaturmechanismen in Aktion, die dafür sorgen, dass die Übertragung von wichtigen Impulsen wieder weitgehend funktioniert. «Anlass zur Hoffnung gibt, dass auch nach 25 Krankheitsjahren die meisten MS-Betroffenen mit einer Basistherapie noch immer ohne Rollstuhl auskommen», sagt Becher. Ein akuter MS-Schub erfordert stets kurzfristige Massnahmen, um einerseits den Entzündungsprozess zu stoppen. Anderseits werden die mit dem Schub verbundenen Symptome bekämpft. Etwa bei einer Entzündung des Sehnervs, in deren Folge die Patienten auf einem Auge unscharf sehen. Bei der symptomatischen Therapie werden die Patienten mit spezifischen Medikamenten oder Physiotherapie behandelt, zum Beispiel bei spastischen Beeinträchtigungen.

Grosse Fortschritte in der Forschung

Gleichzeitig ist eine Dauerbehandlung indiziert, die das Fortschreiten der Erkrankung hemmen und die Anzahl und Vehemenz der Schübe reduzieren soll. Alle heute eingesetzten Therapieansätze wirken auf das Immunsystem und bezwecken, dieses in seiner Reaktivität zu verändern beziehungsweise zu blockieren. Hier hat die Forschung grosse Fortschritte erzielt. Konkret heisst dies, dass die multiple Sklerose heute eine oft behandelbare Krankheit ist. Auch nach einem längeren Verlauf können manche Betroffene noch berufstätig sein oder zum Teil eingeschränkt im Haushalt arbeiten.