Stressbedingte Krankheiten

Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und andere Angestellte im Gesundheitswesen sind in ihrem beruflichen Alltag vielerlei Belastungen und Herausforderungen ausgesetzt.

Die Gefahr, stressbedingt selber krank zu werden, scheint bei diesen Berufsgruppen besonders gross zu sein. Dieser Thematik nimmt sich der im November 2018 erscheinende Zürcher Gesundheitsbericht «Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen» an. Dr. Oliver Hämmig, Leiter Gesundheitsberichterstattung und -überwachung am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich, ist Verfasser des Berichts.

Darin wurden nebst der Gesundheit auch die Arbeitsbedingungen der im Gesundheitswesen Beschäftigten untersucht. «Grundsätzlich wollten wir herausfinden, wie es den im Gesundheitswesen Beschäftigten gesundheitlich geht und unter welchen Bedingungen sie ihre Arbeit erledigen müssen. Dabei haben wir auch Untersuchungen zur Arbeitsbelastung angestellt», erläutert Hämmig.

Häufiger müde und energielos

Tatsache ist: Die Arbeit im Gesundheitswesen ist anspruchsvoll und kann körperlich sowie psychisch belastend sein. Studienautor Hämmig stellt fest: «Es ist klar, dass Beschäftigte in Gesundheitsberufen einer erhöhten Belastung ausgesetzt sind.»

Im Kanton Zürich geben mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Gesundheitsberufen an, dass sie in letzter Zeit unter Schwäche, Müdigkeit oder Energielosigkeit leiden. Bei den Beschäftigten in anderen Berufen trifft das nur für knapp 44 Prozent der Befragten zu. Solche Beschwerden sind häufig Ausdruck oder Folge von Stress oder psychischer Belastung.

Die Pflegefachkräfte sind mit 61 Prozent besonders stark betroffen. Was auffällt: Sie sind besonders hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Sie müssen Patienten stützen oder tragen, häufig stehen und ermüdende Körperhaltungen einnehmen.

Es erstaunt wenig, dass sie ein erhöhtes Risiko für muskuloskelettale Beschwerden – gemeint sind damit zum Beispiel Rücken- oder Armschmerzen – haben. Untersuchungen zeigen zudem, dass eine hohe körperliche Belastung bei der Arbeit auch einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat.

Weitere Belastungen im Gesundheitswesen entstehen durch Sparmassnahmen und den Anspruch, die Effizienz in den Arbeitsprozessen zu verbessern.

Was die Untersuchung zudem zeigt: Besonders Ärztinnen und Ärzte stresst die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Mit diesen Befunden erstaunt es wenig, dass ein Teil des Gesundheitspersonals mit dem Gedanken spielt, aus dem Beruf auszusteigen.

Erstaunlich gute Gesundheit dank Ressourcen

Stichwort erschöpft und ausgebrannt: Hat das Burnout-Syndrom bei Ärztinnen und Ärzten schon fast epidemische Ausmasse angenommen, wie verschiedentlich in den Medien zu lesen ist? Und gefährdet es nicht nur die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Ärzte, sondern auch die Versorgung der Patienten? Diese Fragen lassen sich anhand der vorliegenden Daten nicht beantworten, sagt Hämmig.

Was er mit seiner Studie belegen kann: «Trotz erhöhter Belastungen sind Beschäftige in Gesundheitsberufen nicht bei schlechterer Gesundheit als andere Berufstätige.

Jedoch schneiden sie etwa im Vergleich mit überdurchschnittlich hochqualifizierten Berufen schlechter ab.» Insgesamt erfreuten sich die im Gesundheitswesen Beschäftigten einer eigentlich erstaunlich guten Gesundheit, konstatiert Hämmig. Die gefühlte Lebensqualität und die selbsteingeschätzte Gesundheit seien tendenziell etwas besser als im Durchschnitt.

Wie kommt es dazu? Stress entsteht, wenn man Belastungen nicht mit Ressourcen ausgleichen kann. «Die Beschäftigten im Gesundheitswesen verfügen über relativ viele Ressourcen», sagt der Studienautor.

Als Beispiel nennt er etwa bei den Ärztinnen und Ärzten die relativ hohe Autonomie am Arbeitsplatz. «Zudem erhalten die meisten Beschäftigten im Gesundheitswesen genügend soziale Unterstützung von ihrem Arbeitsumfeld und im privaten Bereich.»

Beispiele aus der Praxis

Hämmig fasst zusammen, dass grundsätzlich zwar viele Beschäftigte im Gesundheitswesen teils hohen Belastungen ausgesetzt seien.

Auf der andern Seite verfügten sie aber auch über relativ viele Ressourcen, was sich insgesamt positiv auf deren Gesundheit auswirken würde.

Zu welchen weiteren Ergebnissen gelangt Hämmig mit seinen Untersuchungen? Analysiert wurde auch, wie sich kumulierte Belastungen auswirken. Hier, sagt Hämmig, müsse klar davon ausgegangen werden, dass eine solche Belastungssituation das Gesundheitsrisiko deutlich erhöhen könne.

Wie Belastungen am Arbeitsplatz reduziert werden können, ist nicht Teil von Hämmigs Untersuchungen. Mögliche Massnahmen müssten gemeinsam mit Beteiligten erarbeitet und umgesetzt werden, sagt Hämmig.

An der öffentlichen Veranstaltung «Zürcher Forum Prävention und Gesundheitsförderung» vom 19. November wird Hämmig seinen Bericht vorstellen. Am Anlass werden zudem Beispiele aus der Praxis präsentiert, die aufzeigen, wie Belastungen nachhaltig abgebaut werden können.