Die professionelle Pflege ist eine anspruchsvolle und komplexe Tätigkeit. Mit den Fortschritten der Medizin und dem wachsenden Anteil an älteren Menschen, die immer öfter an einer oder mehreren chronischen Krankheiten leiden, steigen die Anforderungen an die Pflege laufend.

Aktivierung der Patienten

Immer häufiger müssen in den Spitälern Patienten behandelt werden, die nicht nur an einer akuten Krankheit, etwa einer Lungenentzündung, leiden, sondern zum Beispiel auch an Diabetes. Es leuchtet ein, dass ihre Pflege aufwendiger ist und es länger dauert, bis sie das Spital wieder verlassen können. Damit das möglich wird, fördern Pflegefachpersonen die Mobilität der Patienten, sie sorgen dafür, dass scheinbar banale Dinge wie Aufstehen, Essen, Trinken, die Körperpflege oder der selbstständige Gang auf die Toilette wieder möglich sind. Sie übernehmen die Beratung des Patienten und seiner Angehörigen für die Zeit nach dem Austritt und klären ab, ob zum Beispiel weitere professionelle Pflege durch die Spitex organisiert werden muss.

Motivation ist gefragt

Egal ob Akutspital, Spitex, Pflegeheim oder Psychiatrie: Die Pflegefachpersonen haben eine hohe innere Motivation für ihren Beruf; das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Menschen liegt ihnen am Herzen. Aber die Pflege gehört nicht zu den prestigeträchtigen Berufen. Sie hat mit Krankheit und Tod zu tun – es ist kein Zuckerschlecken, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr dafür zu sorgen, dass es unseren Kranken und Sterbenden, den Dementen und Gebrechlichen so gut wie möglich geht.

Emotionale Erschöpfung

Gerade weil die innere Motivation so gross ist, leiden die Pflegefachfrauen und -männer, wenn sie nicht so pflegen können, wie sie pflegen könnten. Wenn sie wissen, dass Herr Wenger mobilisiert werden sollte, sie aber keine Zeit dafür haben. Wenn im nächsten Zimmer schon der nächste Notfall wartet, obwohl ein Gespräch mit Frau Amsler wichtig wäre. Es ist daher nicht erstaunlich, dass jede fünfte Pflegefachperson mit der Arbeitsplatzsituation unzufrieden ist, 15 Prozent an emotionaler Erschöpfung leiden und 7 Prozent den Wunsch äussern, den Pflegeberuf zu verlassen, wie die RN4Cast-Studie zeigt.

Steigender Bedarf an Pflegepersonal

2009 prognostizierte eine Obsan-Studie, dass in der Schweiz jährlich 5000 Personen mehr ausgebildet werden müssten, um den zukünftigen Bedarf zu decken. Bund, Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt OdA Santé riefen daraufhin den «Masterplan Gesundheitsberufe» ins Leben, mit dem die Ausbildungszahlen gesteigert werden sollten. Doch die Ausbildung von mehr Personal ist nicht der einzige Weg, wie dem Mangel begegnet werden kann, vor allem da mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative auch die ethisch fragwürdige Rekrutierung von ausländischen Fachkräften schwieriger werden dürfte. Es gilt, dem vorhandenen und für gutes Geld ausgebildeten Personal besser Sorge zu tragen. Denn Pflegefachpersonen verlassen den Beruf im Durchschnitt schon nach 10 bis 15 Jahren. Könnte man die Verweildauer um nur ein Jahr steigern, würde der Ausbildungsbedarf um mindestens fünf Prozent sinken.

Genügend Zeit, um zu pflegen

Das kann gelingen, wenn dafür gesorgt wird, dass Pflegefachpersonen optimal pflegen können und genügend Zeit haben. Wenn sie priorisieren müssen, unterlassen sie vor allem Gespräche und die Mobilisierung von immobilen Patienten. Ersteres ist auch für die Patienten nur schwer zu ertragen. Das Zweite verzögert die Genesung und kann zu Komplikationen  führen, die nicht nur Leiden, sondern auch Kosten verursachen. Bei einem mehrheitlich von Frauen ausgeübten Beruf gilt es zudem, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten, auch Teilzeitmitarbeitende in der beruflichen Entwicklung zu fördern und den Wiedereinstieg nach der Familienpause zu erleichtern. Solche Investitionen in die Familienfreundlichkeit rechnen sich: Eine Kosten-Nutzen-Analyse des Kantons Basel-Stadt berechnete eine Rendite von acht Prozent.

Jeder ist mal auf Pflege angewiesen

Rund 80000 Pflegefachpersonen leisten heute einen zentralen Beitrag, dass das Schweizer Gesundheitswesen zu den besten gehört. Das hat seinen Preis, doch man darf nicht den Nutzen vergessen. Irgendwann wird jeder von uns auf Pflege angewiesen sein. Es liegt in unserer Hand, dafür zu sorgen, dass es optimale Pflege von gut ausgebildeten Pflegefachpersonen sein wird.