Für Frauen mit Brustkrebs bedeuten die Erkrankung und die damit verbundenen Therapien oftmals einen tiefen Einschnitt in ihre weibliche Sexualität. Dr. Eliane Sarasin Ricklin ist Gynäkologin am Brustzentrum Zürich. Sie hat eine Zusatzausbildung in Sexualmedizin und Sexualtherapie an der Universität Basel absolviert und bietet eine Sprechstunde für Fragen rund um Sexualität und Partnerschaft an.

Wie erleben Brustkrebspatientinnen die Erkrankung in Bezug auf ihre Sexualität?
Neben der existentiellen Erschütterung durch eine potenziell lebensbedrohende Erkrankung erleben die Frauen den Brustkrebs als direkten Angriff auf die eigene Weiblichkeit und Erotik. Dass sich dies folglich auch störend auf die individuell gelebte Sexualität und Partnerschaft auswirken kann, erstaunt nicht.

Welchen Einfluss kann eine Brustkrebserkrankung auf die weibliche Sexualität haben?
Im Vordergrund stehen vor allem sexuelle Funktionsstörungen durch die Therapiemassnahmen, insbesondere den Einsatz einer Chemotherapie. Zudem fühlt sich die Frau durch den schmerzlich empfundenem Verlust an weiblicher Attraktivität und Erotik in ihrem Selbstbewusstsein getroffen. Das Gefühl, «keine vollwertige Frau mehr zu sein», entsteht als Folge der operativen Behandlung. Die emotionale Verarbeitung der Körperbildveränderung erleben einige Frauen als äusserst schwierig. Dazu kommen eventuell noch Wechseljahrsbeschwerden durch die antihormonelle Behandlung.

Ein besonders hohes Risiko für sexuelle Störungen haben junge Brustkrebspatientinnen. Weshalb?
Junge Brustkrebspatientinnen weisen in der Tat ein erhöhtes Risiko für sexuelle Störungen auf. So bedingt etwa das junge Erkrankungsalter häufiger eine intensive Behandlung wie Chemotherapie, eventuell in Kombination mit einer zunehmend länger dauernden Antihormontherapie. Sexualität verliert für diese Frauen ihre Unbeschwertheit und Lust, da sie sich plötzlich mit der eigenen drohenden Unfruchtbarkeit konfrontiert sehen und gleichzeitig die Familienplanung zum Zeitpunkt der Diagnose eventuell noch nicht abgeschlossen ist oder noch gar keine feste Partnerschaft besteht. Die jüngere Patientin hat noch keine Erfahrungen mit körperlichen Altersveränderungen und akzeptiert ihren durch die chirurgische Therapie versehrten Körper mit grösserer Mühe, was nicht selten zu einem sozialen Rückzug und zur Vermeidung von sexuellen Begegnungen führt.

 

«Die erkrankten Frauen erleben den Brustkrebs häufig
als direkten Angriff auf die eigene Erotik.»

Was sind die häufigsten sexuellen Funktionsstörungen bei Brustkrebs?
Am häufigsten wird eine Abnahme des sexuellen Verlangens beklagt. Erregungsstörungen und Schmerzen beim Verkehr schliessen sich an und seltener kommt es auch zu Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erlangen. Der Leidensdruck der Frauen ist individuell unterschiedlich ausgeprägt in Abhängigkeit, ob eine Beziehung vorhanden ist, der Partnerschaftsdauer und Zufriedenheit und nicht zuletzt auch dem Alter der Patientin.

Wie kann sich eine Brustkrebserkrankung auf die Partnerschaft auswirken?
Die Krankheit trifft immer auch das Umfeld und insbesondere den Partner der von Brustkrebs betroffenen Frau. Dieser spielt nicht nur eine bedeutende Rolle in der Unterstützung der erkrankten Partnerin, sondern erfährt selbst eine erhebliche emotionale Belastung. Die Angst durch die ungewisse Prognose der Krankheit sowie neue Verpflichtungen im Rahmen der Fürsorge stehen im Vordergrund und verdrängen auch bei ihm das Verlangen nach sexueller Intimität. Diese rücksichtsvoll gemeinte Zurückhaltung des Partners wird oft von der Frau als Abweisung erlebt, die sie in ihrem subjektiv empfundenen Attraktivitätsverlust bestätigt. So kann es zu einer Sprachlosigkeit und Distanzierung innerhalb des Paares kommen, obwohl der Wunsch nach emotionaler Nähe, Geborgenheit und gegenseitiger Unterstützung grösser denn je wäre.

Was kann den betroffenen Frauen und ihren Partnern in dieser Situation helfen?
Wichtig ist, dass das behandelnde Team die Brustkrebspatientin und auf Wunsch auch deren Partner über mögliche Auswirkungen der Erkrankung auf das Sexualleben aufklärt. Nicht selten ist die Überweisung an eine Spezialsprechstunde sinnvoll, um dem Thema mehr Raum zu geben.