Ein gewisser Stress gehöre zum alltäglichen Leben, sagt Doris Straus. «Normalerweise bewältigen wir solche Situationen ohne grosse Probleme.» Eine gute Selbsteinschätzung und Selbstvertrauen wie auch die Gewissheit, soziale Unterstützung und fachliche Hilfe erhalten zu können, seien wichtige Faktoren der persönlichen Fähigkeit, auch längere Stressphasen unbeschadet zu überstehen.

Alle Berufsgruppen sind betroffen, besonders häufig jedoch Personen, die bei hohem Verantwortungsdruck relativ wenig Möglichkeiten der Selbstbestimmung haben

Bei chronischem Stress könnten allerdings die individuell sehr verschiedenen Möglichkeiten zum Stressabbau zunehmend überfordert werden. Betroffene würden in einen Kreislauf der dauernden Aktivierung des sympathischen Nervensystems und der Überflutung durch Stresshormone geraten, mit Entwicklung von Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, Leistungsminderung, Unlust, Ängsten und negativen Gefühlen, erläutert Straus.

«Hinzu kommen körperliche psychovegetative Störungen wie Magen-Darm-Beschwerden und insbesondere Kopf- und Rückenschmerzen. Die Entwicklung in der Negativspirale kann ohne Hilfestellung und fachgerechte Behandlung in eine manifeste Depression mit der Gefahr des Suizids münden.»

Alle Berufsgruppen betroffen

Burnout sei gekennzeichnet durch mehrere charakteristische Symptome, sagt Straus: chronische Erschöpfung, mit der Unfähigkeit, sich über gewohnte Strategien wie Urlaub oder Wochenende zu erholen, eine zunehmende negative Einstellung und das Gefühl, sich selbst nicht mehr zu kennen, sowie eine verminderte Leistungsfähigkeit. Burnout sei keine neue oder eine Modeerkrankung, betont Straus.

«Allerdings stellen die rapiden technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen heute besondere Herausforderungen an die individuelle Anpassungsleistung.» Gemäss einer SECO-Studie zeigen sich inzwischen bei etwa 30 Prozent aller Berufstätigen in westlichen Industrienationen Symptome von Burnout.

«Dabei sind alle Berufsgruppen betroffen, besonders häufig jedoch Personen, die bei hohem Verantwortungsdruck relativ wenig Möglichkeiten der Selbstbestimmung haben», so Straus.

Heilsame Krise

Betroffene bräuchten bei einem Burnout zunächst eine Zeit zur Distanzierung, zur psychovegetativen Stabilisierung und Wiedergewinnung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit, die einer fachkundigen therapeutischen Begleitung bedarf, betont Straus.

«Jede nachhaltige Therapie bietet neben Entspannungsverfahren und sportlichem Ausdauertraining für den Stressabbau auch eine Körper- und Gesprächspsychotherapie für ein besseres Selbstmanagement und die Reaktivierung sozialer Kompetenzen und Ressourcen.»

Dies könne am effektivsten beginnen mit einer stationären kurzzeitigen psychosomatischen Therapie mit anschliessender ambulanter Weiterbehandlung parallel zum beruflichen Wiedereinstieg.

«Unter diesen Voraussetzungen kann ein Burnout als heilsame Krise durchlaufen und als ein Signal verstanden werden, das noch rechtzeitig erkannt wurde und das häufig zu Veränderungen mit nachhaltiger Leistungsfähigkeit und Lebensfreude führt», sagt Straus.