Beim Burnout registrieren Fachärzte Vorstufen wie fehlende Kreativität, Gereiztheit, Angespanntheit, Schwierigkeiten abzuschalten und sich zu erholen, eine resignative Grundhaltung, Ängstlichkeit gegenüber Neuem sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. «Entscheidend für die Bezeichnung Burnout ist die Einschätzung, dass äussere Belastungen diese Symptome verursachen, bei der Arbeit oder bei Doppelbelastungen im Berufs- und Privatleben», erläutert der Fachspezialist Hanspeter Flury. Burnout sei indes noch keine medizinische Diagnose, weil die Symptome sehr unterschiedlich seien. «Medizinisch gesehen werden bei einem fortgeschrittenen Burnout meist Erschöpfungs-Depressionen diagnostiziert, aber auch Angsterkrankungen oder somatoforme Störungen, wie zum Beispiel lang anhaltende Schmerzen ohne ausreichende körperliche Begründung.» So spricht man etwa von einer «Erschöpfungsdepression bei Belastung am Arbeitsplatz». Fortgeschrittene Burnout-Stadien gehören zu den Stress-Folgeerkrankungen, die schwere Folgen für die betroffenen Personen, deren Bezugspersonen und die Gesundheitskosten nach sich ziehen.

Tabuisiert und stigmatisiert

Burnout bezeichnet Flury als medizinisch hoch relevant: In fortgeschrittenen Phasen, weil die Symptome Krankheitswert haben, in frühen Phasen, weil dann ein Abgleiten in eine Krankheit verhindert werden kann. Das Burnout-Konzept erleichtere die Früherkennung und -behandlung und damit die Effizienz von Massnahmen sowie die Prognose. «Es senkt die Schwelle für das Gespräch über Belastungen und für Interventionsmöglichkeiten», so Flury. Frühstadien psychischer Krankheiten seien nämlich für Betroffene oft schwer erkennbar oder würden bagatellisiert. «Beispielsweise werden Schlafstörungen in Belastungssituationen von Betroffenen zu lange als unter diesen Umständen normal eingestuft und die beginnende Depression wird übersehen.» Dazu trägt bei, dass psychische Leiden von Betroffenen und der Gesellschaft fälschlicherweise lange als «unheimlich» oder als individuelles Versagen gewertet und darum tabuisiert und stigmatisiert wurden. Burnout sei gesellschaftlich anders bewertet, weil sich sehr viele Menschen durch Druck bei der Arbeit, durch Beschleunigung und Wandel belastet fühlen und Medien nun darüber berichten.

Man muss hinhören und handeln

Diese Burnout-Debatte kann zu einem wertvollen Türöffner für Gespräche über seelisches Erleben und damit für die Früherfassung und -behandlung psychischer Probleme werden, sofern nicht einfach nur gemeinsam geklagt, sondern genau hingehört und gehandelt wird, ist Flury überzeugt. Hinhören heisse, bei Betroffenen die Symptome sowie ihren Schweregrad und deren Auswirkungen auf die Lebensgestaltung und das Erleben zu ergründen sowie Zusammenhänge herzustellen. Handeln bedeute, in solchen Fällen Hilfe anzubieten, Entlastung und Lösungen zu finden, etwa für Belastungen wie Leistungsdruck und fehlende Anerkennung in der Arbeitswelt, aber auch für private Probleme wie die Pflege kranker Angehöriger oder für persönliche Schwierigkeiten wie Perfektionismus oder fehlende Flexibilität. «Dabei helfen hausärztliche und psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungen, ambulant oder in spezialisierten Zentren», betont Flury. Entscheidend sei auch das Engagement der Angehörigen und der Arbeitswelt, damit Burnout verhindert beziehungsweise überwunden werden kann.