Dr. Franzen, bei welchen Symptomen sollte an COPD gedacht werden?

Kurzatmigkeit kann ein erstes Symptom bei COPD sein. Ebenso chronischer Husten, oft verbunden mit Auswurf. Allerdings müssen nicht alle drei Symptome vorhanden sein!


Es gibt COPD-Patienten, die husten überwiegend, andere haben Atemnot.
 

COPD kann auch schon bei jüngeren Menschen ab 40 auftreten. Die entscheidende Rolle spielt die Rauchervergangenheit. Bereits zehn Jahre nach Rauchbeginn können sich erste Konsequenzen zeigen.

COPD wird häufig als Raucherhusten oder Raucherasthma bezeichnet und damit verharmlost. Was bedeutet eine COPD-Diagnose für die Betroffenen?

Im Gegensatz zum Asthma, das eine episodische Erkrankung ist, haben COPD-Patienten  anhaltende Symptome, die stetig fortschreiten. Asthma lässt sich heute meist sehr gut behandeln, und die Betroffenen haben eine gute Lebensqualität.

Bei COPD hingegen lassen sich nur die Symptome lindern. Es gibt keine ursächliche Therapie ausser den konsequenten Rauchstopp. Sie müssen sich vorstellen, dass COPD wie eine Zündschnur ist. Wenn sie erst einmal brennt, dann brennt sie. Aufhalten können wir den Brand nicht, wir können lediglich versuchen, ihn zu verlangsamen.

Rauchen ist in der industrialisierten Welt Hauptursache Nummer eins für COPD. Wie lässt sich erklären, dass nicht jeder Raucher zwangsläufig an COPD erkrankt?

Hier spielt die Genetik eine entscheidende Rolle, gleichzeitig auch das Rauchverhalten. Je mehr jemand raucht, desto grösser ist die Gefahr, an COPD zu erkranken. Allerdings gibt es starke Raucher, die keine Symptome entwickeln.

Denken wir nur an den deutschen Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der bis weit über sein 90. Lebensjahr hinaus rauchte. Umgekehrt gibt es Raucher, die nach wenigen Jahren an COPD erkranken.

Erschreckend ist die Tatsache, dass die Anzahl rauchender Frauen, trotz Antiraucherkampagnenim Gegensatz zu den Männern nicht abnimmt. Deshalb rechnen wir damit, dass COPD bei Frauen in den nächsten Jahren zu einem grossen Thema wird.

Wie lässt sich die Diagnose COPD stellen?

Die erste Ansprechperson bei anhaltenden Symptomen ist der Hausarzt. Er kann mit einer Lungenfunktionsprüfung, auch Spirometrie genannt, die Diagnose stellen und die COPD in verschiedene Schweregrade einteilen.

Bei Grad eins befindet sich der Patient im Anfangsstadium einer COPD und die Symptome sind meist schwach ausgeprägt. In Grad zwei, man spricht hier von einer mittelschweren COPD, kann die Lungenfunktion bereits um 20 bis 50 Prozent reduziert sein.

Bei Grad drei kann die Lungenfunktion um bis zu 70 Prozent vom Sollwert abweichen, was massive Beschwerden zur Folge hat. Grad vier ist der höchste Grad, die Patienten sind chronisch mit Sauerstoff unterversorgt und leiden bereits beim Sprechen unter Atemnot.

Welche Massnahmen müssen nach der Diagnose befolgt werden?

Die wichtigste Massnahme ist der Rauchstopp! Er ist gleichzeitig die einzige Massnahme, die sich in Bezug auf das Langzeitüberleben positiv auswirkt. Als weitere Basismassnahmen gelten Impfungen gegen die Grippe und die bakterielle Lungenetzündung (Pneumokokken).

Man weiss, dass Lungeninfektionen bei COPD schwerer beziehungsweise sogar lebensgefährlich verlaufen können. Das dritte Standbein sind körperliche Betätigungen.

Je nachdem, wie stark ausgeprägt die COPD ist, kommen zusätzlich vor allem inhalative Medikamente zum Einsatz. In der Spätphase der Erkrankung sind die Betroffenen zum Teil auf eine Dauersauerstofftherapie angewiesen.

Im Spätstadium kann auch eine Lungenvolumenreduktion den Gesundheitszustand der Betroffenen vorübergehend verbessern. Wie funktioniert dieses Verfahren?

Die überblähten, nicht mehr funktionstüchtigen Lungenanteile werden bei der Lungenvolumenreduktion ausgeschaltet. Dazu wird entweder ein chirurgischer oder bronchoskopischer Eingriff durchgeführt, bei dem das veränderte Lungengewebe entfernt und damit das Lungenvolumen reduziert wird.
 

Durch den Eingriff kann eine Verbesserung der Atmung und folglich eine Zunahme der Leistungsfähigkeit erreicht werden.
 

In der Medizin ist die Individualisierung heute ein grosses Schlagwort. Werden auch bei COPD die Therapieoptionen zunehmend auf den Patienten «zugeschnitten»?

Patienten mit COPD werden heute nicht mehr in einen Topf geworfen, sondern es wird vielmehr geschaut, welche Therapie individuell sinnvoll ist. Zum Beispiel wissen wir, dass die inhalative Kortison-Therapie nicht in jedem Fall geeignet ist.

Manchen Patienten kann sie mehr Nachteile als Vorteile bringen. Anhand spezifischer Entzündungswerte im Blut können wir nun jene Patienten evaluieren, bei denen die Therapie einen Nutzen haben wird. In Zukunft werden wir anhand von zusätzlichen Biodaten noch viel individueller behandeln können.

Bislang haben alle Massnahmen die reine Symptombekämpfung zum Ziel, an der Ursache ändert sich nichts. Könnte eine Heilung der COPD eines Tages möglich sein?

Noch sind wir weit davon entfernt. Es tut sich zwar einiges in der Forschung und COPD wird uns in den nächsten Jahren noch stärker beschäftigen. Allerdings bezweifle ich, dass es eines Tages Medikamente zur Ursachenbekämpfung geben wird.

Als allerletzte Option bleibt die Lungentransplantation. Für wen kommt diese infrage?

Sie kommt nur für einen sehr kleinen Teil der COPD Patienten infrage. Um überhaupt auf eine Spenderliste zu kommen, müssen die Patienten jünger als 60, allerhöchstens 65 Jahre alt sein, sie dürfen keine zusätzlichen Erkrankungen haben und werden daher auf "Herz und Nieren" durchgecheckt.