Der Rücken schmerzt. Obwohl wir nichts Schweres gehoben haben. Der Kopf schmerzt. Ausgerechnet sonntags, wenn wir frei haben. Oft hat Schmerz keine direkt erkennbare Ursache.

Was in der Fachsprache eher untertreibend als «unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis» beschrieben wird, eventuell «mit einer Gewebeschädigung einhergehend», ist für den Betreffenden ganz einfach eines: schmerzhaft.

Sie schränken ihn ein, sie reduzieren nachhaltig seine Lebensqualität.

Der Schmerz hat die wertvolle Funktion des «Schadensmelders». Offen bleibt, ob unser Warnmelder eine rein körperliche Ursache meldet. Oder ob er durch andere Umstände verursacht, Alarm schlägt. Durch das biopsychosoziale Krankheitsmodell wissen wir – oder sollten es eigentlich wissen – dass auch emotionale Probleme und psychische Nöte Schmerzen verursachen.

Ebenso kann eine soziale Konfliktsituation Auslöser sein. Schon die Sprichworte sind ja durchaus wörtlich zu nehmen: «Ich kann es nicht mehr ertragen», sagen wir, und «es hat mir die Sprache verschlagen.» Gleichzeitig haben wir eine «Wut im Bauch» und etwas «auf dem Herzen». Und manchmal finden wir sogar «der Stress bringt mich noch um.»

Natürlich muss vorerst stets die körperliche Ebene abgeklärt werden. Aber oft finden wir Spezialisten da nichts – über 80 Prozent der geklagten Rückenschmerzen sind «unspezifisch». Wird dann der nächste, eigentlich logische Schritt unterlassen, nämlich die Suche nach psychischen (Mit-)Ursachen und sozialen (Begleit-)Problemen, und wird nur auf der biologisch-medizinischen Ebene weiterbehandelt, dann öffnen wir dem chronischen Schmerz Tür und Tor.

Chronische Schmerzen haben ihren Ursprung in einem akuten Schmerzzustand. Unbehandelt werden sie jedoch zu einer weitaus komplexeren Erkrankung als die ursprüngliche Ursache: Sie werden eigenständig. Häufige Beispiele dafür sind Rücken- und Nackenschmerzen, ebenso Kopfschmerzen.

Nicht weniger häufig treten neuropathische Schmerzen auf (bedingt durch Nervenschäden) sowie multilokuläre, generalisierte Schmerzen (etwa Fibromyalgie). Für den Betroffenen fühlt sich dies genauso an wie ein akuter Schmerz.

Mit dem Unterschied, dass chronische Schmerzen für den Betroffenen auf allen Ebenen stark belastend wirken. Sie schränken ihn ein, sie reduzieren nachhaltig seine Lebensqualität. Dann tut nicht mehr nur der Rücken weh – dann leidet der «ganze» Mensch.

Die üblichen Therapieverfahren zeigen nur geringe Wirkung oder versagen gänzlich. Und immer neue Untersuchungen und Behandlungsversuche erhöhen das Leiden nur. Kommt hinzu, dass die indirekten Kosten, die dadurch entstehen, die chronischen Schmerzen zu den teuersten Erkrankungen überhaupt machen.

Trotz aller modernen Erkenntnisse dauert es heute noch oft viele Jahre, ehe die Betroffenen erstmals einer interdisziplinären Untersuchung unterzogen werden. Also einer Untersuchung, in der Ärzte und Therapeuten der verschiedenen Fachgebiete gemeinsam nach Ursache und Lösung suchen und dann auch gemeinsam über und mit dem Patienten über die weiteren Schritte sprechen.

Ein Psychologe oder Psychiater darf dabei nicht fehlen. Leider ist selten ein Sozialarbeiter oder geschulter Case-Manager verfügbar. Was auf den ersten Blick aufwändig und teuer klingt, ist in Wahrheit erfolgreich und kostensenkend.

Nichtsdestotrotz wartet die interdisziplinäre Schmerzmedizin in der Schweiz noch auf offizielle Anerkennung. Die schweizerische Gesellschaft zum Studium des Schmerzes SGSS hat deshalb einen Titel geschaffen: «Schmerzspezialist SGSS». So dürfen sich nur Ärzte und Therapeuten mit der entsprechenden Ausbildung nennen. Sie bilden sich regelmässig in der Schmerzmedizin fort (weitere Infos auf der SGSS-Homepage). Eine Arbeitsgruppe der SGSS definiert derzeit einen Standard für «multimodale Schmerztherapie». Damit setzt die Gesellschaft Qualitätsmassstäbe zugunsten der Patienten.

Dass das Thema Schmerz an Aufmerksamkeit gewinnt, auch in den Medien Niederschlag findet und nun in der vorliegenden Ausgabe prominent platziert ist, zeigt den Bedarf an fundierter Information. Ich wünsche Ihnen eine informative Lektüre.