Facts

  • Schwangere mit ITP müssen intensiver kontrolliert werden, da ein erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt besteht.
  • Für die Diagnose wird dem Patient Blut entnommen und ein Ultraschall zur Feststellung der Milzgrösse vorgenommen. Es wird auch untersucht, ob ITP die Primärkrankheit oder eine Begleiterscheinung ist.
  • Patienten, bei denen die Anzahl der Blutplättchen tief bleibt und die daher immer wieder bluten, sind selten.

Wenn sich am Schienbein plötzlich kleine, blutende Punkte bilden, die nicht wehtun, denkt man wohl als erstes an einen Ausschlag. Diese stecknadelkopfgrossen Petechien können aber ein Zeichen für eine verringerte Zahl der Thrombozyten, der Blutplättchen, sein. Diese spielen bei der Blutgerinnung eine wichtige Rolle: «Sie sind wie ein Dichtungsmaterial, das bei einer Verletzung des Blutgefässes das umliegende Gewebe aneinander heftet, sodass die Wunde verschlossen wird», erklärt Mathias Schmid vom Stadtspital Triemli Zürich.

Ein gesunder Mensch verfügt über 150 bis 400 Giga Plättchen pro Liter Blut, wobei ein Giga 109 Zellen entspricht. Werden diese vom Körper vermehrt abgebaut, spricht man von der Autoimmunkrankheit «Immunthrombozytopenie» (ITP), bei der spontane Blutungen an Beinen, Nase, am Zahnfleisch oder in seltenen Fällen auch in Darm oder Hirn auftreten. «ITP ist das Rheuma des Blutes», so Schmid. «Während dort die Gelenkhaut oder das Bindegewebe angegriffen wird, werden hier die Blutplättchen zerstört. Und das so schnell, dass das Knochenmark nicht mit der Neuproduktion hinterherkommt.» Warum das Immunsystem die körpereigenen Zellen zerstört, ist unklar.

Hohe Dunkelziffer

Von 100 000 Menschen sind laut Schmid 30 von der Krankheit betroffen, während die Zahl der Neuerkrankungen bei zwei bis drei Personen pro 100 000 liegt. «Im Raum Zürich erkranken durchschnittlich acht bis zehn Personen pro Jahr», so Schmid. Er gibt aber zu Bedenken, dass es tatsächlich wohl weitaus mehr seien: «Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.» ITP trete in 80 Prozent der Fälle als Primär-Erkrankung auf, während sie beim Rest ein begleitendes Phänomen sei, beispielsweise bei einem Magenschleimhautbakterium. «Wird die ITP mit einer anderen Krankheit assoziiert, bringt deren Behandlung häufig auch einen Anstieg der Blutplättchen mit sich», sagt Schmid. Im Normalfall hat der Betroffene weder grosse Beschwerden, noch wird er in seiner Lebensqualität massgebend beeinträchtigt. Selten verläuft eine ITP tödlich. «Während meiner 18-jährigen Berufserfahrung, habe ich nur zwei bis drei ITP-Todesfälle erlebt», so Schmid.

Medikamente oder Operation

Wer über 20 Giga Plättchen pro Liter hat, wird ambulant mit Tabletten behandelt. Patienten mit einer geringeren Anzahl werden so lange stationär überwacht, bis die Plättchen-Anzahl nach zwei bis drei Tagen wieder ansteigt. Bei 25 bis 50 Prozent der Patienten war die ITP akut, was heisst, dass sie nach einer Behandlung geheilt sind. Ist das Leiden jedoch chronisch, normalisieren sich die Werte trotz Behandlung nicht oder verschlechtern sich, sobald das Medikament abgesetzt wird. Da bei der Abwehr von körperfremden Stoffen die Milz eine grosse Rolle spielt, ist eine Möglichkeit deren operativen Entfernung.

«In zwei Dritteln der Fälle sind die Patienten danach klinisch geheilt», sagt Schmid. Trotzdem würden die Patienten eine medikamentöse Behandlung meist vorziehen. «In den letzten Jahren wurden neue Medikamente entwickelt, die gut anschlagen und auch gut verträglich sind. Diese wirken ähnlich wie ein körpereigener Botenstoff: Sie binden sich an die im Knochenmark vorhandenen Thrombozyten bildenden Zellen und bewirken, dass mehr Blutplättchen produziert werden. Da diese Medikamente verständlicherweise etwas teurer sind, ist ein rationeller Einsatz wichtig.»

Teilweise müssen die Ärzte für ihre Patienten eine Kostengutsprache bei der Krankenkasse beantragen. «Verglichen mit den USA, ist der politische Druck seitens der Patienten-Lobby in der Schweiz gering», so Schmid. Deshalb unterstützt er die Vernetzung über Landesgrenzen hinweg. «Für den Austausch unter den Patienten würde sich ein Zusammenschluss von Deutschland, Österreich und der Schweiz lohnen.»