Dr. Kurt April, wie häufig tritt erektile Dysfunktion ( ED ) bei Schweizer Männern auf?

Grundsätzlich hat fast jeder Mann irgendwann ein Erektionsproblem. Das ist nicht altersabhängig, wenn mal in einer Liebesnacht etwas nicht klappt. Die Diagnose ED wird gestellt, wenn das Problem ein halbes Jahr andauert und Geschlechtsverkehr nicht möglich ist.

Wer einmal ein Problem hatte, fürchtet das erneute Auftreten. Und entwickelt dann ein Vermeidungsverhalten.

Und welches sind rein organische Ursachen?

Ab 40-50 Jahren nehmen Durchblutungsstörungen im Penis aufgrund der altersbedingten Verkalkung der Gefässe zu. Dazu kommen hormonelle Probleme, etwa wenn das Testosteron abnimmt.

ED tritt bei 5 Prozent der 40-Jährigen auf und bei 50 Prozent der 70-Jährigen. Kommt es zur normalen nächtlichen Erektion und funktioniert die Masturbation, hat die Störung eine psychische Ursache.

Liegen tatsächlich Gefässverengungen vor, könnte ED dann ein Vorbote für eine Koronare Herzkrankheit sein?

Richtig, es könnte eine Arteriosklerose auftreten. Umso wichtiger, dass Männer sich nicht genieren, zum Arzt zu gehen. Das liegt wohl daran, dass ED im Volksmund « Impotenz » genannt und häufig mit Zeugungsunfähigkeit gleichgesetzt wird.

Viele verbinden die Störung mit einem « Versagen der Männlichkeit », was sie zu einem persönlichen Problem macht.

Während Frauen regelmässig zum Frauenarzt gehen, tun das Männer weniger. Von allen Betroffenen suchen nur 10 bis 20 Prozent den Arzt auf und die Hausärzte sind zurückhaltend beim Ansprechen sexueller Probleme. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend sehr hoch sein.

Und wie wird nun ED behandelt?

Vieles ist möglich. Allein durchs Beratungsgespräch lösen sich viele Probleme. Die Wirksamkeit der Medikamente auf dem Markt wird laufend verbessert. Der PDE-5-Hemmer beispielsweise sorgt dafür, dass der Penis mit mehr Blut versorgt wird.

Die Mittel unterscheiden sich in Länge der Wirkung und Schnelligkeit. Die meisten wirken nach 30 Minuten, die neuen Generationen bereits nach 15 Minuten und sind ausserdem besser verträglich.

Ist eine Beratung durch den Arzt zwingend?

Es sollte bei ED auf jeden Fall ein Arzt konsultiert werden. Die aktuellen Medikamente sind ausnahmslos verschreibungspflichtig und müssen daher von einer Fachperson verschrieben werden.

Oft versuchen Betroffene aus Scham Produkte im Internet zu bestellen. Davon ist dringend abzuraten, da es sich dabei oft um dubiose Präparate mit nicht wirksamen oder sogar gesundheitsschädigenden Inhaltsstoffen handelt.

Lösen bestimmte Situationen ein Erektionsproblem aus?

Erektionsstörungen sind meist ein biopsychosoziales Geschehen, das heisst verschiedene Ursachen sind möglich. Stress ist oft ein wichtiger Faktor, ebenso Versagensängste.

Wer einmal ein Problem hatte, lebt in der Angst, es könnte wieder auftreten. Und entwickelt dann ein Vermeidungsverhalten. Überhaupt sind die Erwartungen an den Mann heute sehr hoch, was die Angst noch verstärkt.

Wie gut ist denn die Frau über diese mögliche Störung aufgeklärt?

So schlage ich oft ein Gespräch mit beiden Partnern vor, um genauer herauszufinden, was für psychologische und Beziehungs-Faktoren mitspielen können. Reagiert die Frau verständnisvoll auf das Problem des Mannes, bekommt man die Erektionsstörungen oft leicht weg. Manchmal nehmen Frauen die Erektionsstörungen des Partners persönlich und fühlen sich nicht begehrt.

Die daraus folgende Reaktion (z. B. Rückzug oder Ärger) können die Erektionsstörungen verstärken oder chronifizieren.