Schon vor 10000 Jahren unterschieden antike Hochkulturen und die Naturvölker, ob die Ursache eines Schmerzes für das Auge sichtbar ist oder nicht. Unsichtbare Schmerzen mussten mit übernatürlichen Kräften zusammenhängen!

Die hippokratische Medizin um 400 vor Christus wollte im Schmerz ein Ungleichgewicht der Körpersäfte erkannt haben. Der römische Arzt Galen, der 129 bis 200 nach Christus lebte, unterschied zwischen innerem und äusserem Schmerz. Seine Annahme: Körper und Seele beeinflussen sich gegenseitig.

Zum Übergang in die Neuzeit kam die naturwissenschaftlich orientierte Medizin auf – sie reduzierte den Schmerz auf ein ausschliesslich körperliches Phänomen, denn dieses Weltbild trennte Körper und Seele. Die abendländischen christlichen Kulturen verfolgten einen völlig anderen Ansatz.

Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde zur Kenntnis genommen, dass ein Schmerzsignal auch biologische, psychologische und soziale Hintergründe haben muss. Und schliesslich wurde die Diagnose des chronifizierten Schmerzes gestellt: Werden Schmerzen als Warnsignale zu lange ignoriert, entwickelt sich daraus die Schmerzkrankheit. Darum widmet sich eine ganzheitliche Therapie heutzutage stets auch der Ursache der Erkrankung.

Jeder Mensch speichert seine Erfahrungen mit Schmerzen. Dieses Schmerzgedächtnis vergleicht einen akuten Schmerz mit Erfahrungswerten. Wiederholtes und länger andauerndes Unwohlsein verändert in den Nervenzellen des Gehirns die Aktivität von Genen: In der Folge kommt es zu Veränderungen von Verschaltungen, der Synapsen.

Das Gehirn nimmt quasi einen «Umbau» seiner Nervenzell-Netzwerke vor. Die Nervenzellen verselbstständigen sich, senden Impulse ans Hirn, auch wenn gar kein Schmerzreiz vorliegt. Wenn das geschieht, chronifiziert sich ein Schmerz – er wird zu einer eigenständigen Krankheit.

Hält ein Schmerz länger als drei bis sechs Monate an, ist wahrscheinlich bereits die Bezeichnung des chronifizierten Schmerzes zutreffend. Häufig tritt das Phänomen in Form von Rücken- und Kopfschmerzen auf, aber auch als rheumatischer (Arthritis) oder neuropathischer Schmerz (Nerven), unter anderem auch als Fibromyalgie (Weichteilbeschwerden). Den grössten Anteil bilden Betroffene von Rückenschmerzen, gefolgt von Beschwerden an Knien, Beinen, Gelenken und Schultern.

Wer Kreuzschmerzen länger als sechs Wochen verspürt, sollte sein Risiko der Chronifizierung überprüfen. Bei einer Schmerzzeit von über zwölf Wochen sollte bereits die multimodale Schmerztherapie einsetzen. Sie stellt sich auf die Basis des biopsychologischen Schmerzmodells und kombiniert die interdisziplinäre Behandlung unter Einbezug von mindestens zwei Fachdisziplinen: eine psychiatrische, psychosomatische oder psychologische.

Unter Experten herrscht Einigkeit darin, dass psychische Faktoren an der Entstehung nicht unschuldig sind. Die Chronifizierung wird demnach auch ausgelöst von einer psychischen Störung, die mit dem Schmerzerleben einhergeht. Ebenso kann eine Verletzung zu einem seelischen Trauma führen, wenn sie das Selbstbild des Betroffenen nachhaltig beschädigt.

In den Teufelskreis des chronischen Schmerzes gerät man, wenn sich die Empfindung nicht mehr allein durch eine körperliche, sondern auch eine emotionale Belastung manifestiert. So stellt sich ein Schmerz in den Mittelpunkt des Lebens, füllt den Betroffenen förmlich aus. Was folgt, sind Arbeitsunfähigkeit, Depression, Anpassungsstörungen. Und letztlich der soziale Rückzug.

Der Erkrankte meidet jede Situation, in der er den Schmerz schon einmal verspürt hat, reduziert dramatisch seine körperlichen und sozialen Aktivitäten. Trotz der hohen Anzahl von Betroffenen: Die Gründe für diese Begleiterscheinungen des chronischen Schmerzes sind in der Schweizer Bevölkerung weitgehend unbekannt.