Es ist nach wie vor das Tabuthema Nummer eins, wenn es um die Sexualität beziehungsweise Potenz des Mannes geht. Plötzlich läuft im Bett nichts mehr. Für viele Paare ist die Situation sehr belastend. «Die erektile Dysfunktion ist eine Sexualstörung, bei der es einem Mann über einen gewissen Zeitraum hinweg in der Mehrzahl der Versuche nicht gelingt, eine für ein befriedigendes Sexualleben ausreichende Erektion des Penis zu erzielen oder beizubehalten. Kurzfristige Erektionsstörungen gelten hingegen nicht als erektile Dysfunktion», erläutert Peter Jürg Karrer, Facharzt FMH für Urologie. Per Definition spricht man dann von einer erektilen Dysfunktion, wenn Erektionsstörungen während sechs Monaten andauernd vorhanden sind. Der Begriff Impotenz ist mit einer negativen Bewertung verbunden und wird deshalb in aller Regel nicht mehr verwendet.

Sexuelle Stimulation

«Um eine Erektion zu erzeugen, braucht es vier Organsysteme, die durch eine komplexe Steuerung zusammenwirken, nämlich Blutgefässe, das Nervensystem, Hormone und die Psyche. Wenn eines dieser Systeme gestört ist, kann die Erektionsfähigkeit negativ beeinflusst werden», erklärt Karrer. Bei einer Erektion werden im Gehirn durch Sinnesreize bestimmte Botenstoffe aktiviert. Diese geben dem Penis das Signal zur sexuellen Stimulation und bewirken das Entstehen einer Erektion. Ein bestimmter Botenstoff im Penis verursacht dabei eine Entspannung der glatten Muskulatur der Schwellkörper und eine Erweiterung der zuführenden Blutgefässe im Penis. In die Blutgefässe strömt in der Folge vermehrt Blut ein. Zugleich werden die blutabführenden Venen zusammengedrückt, so dass weniger Blut abfliessen kann. Durch die erhöhte Blutmenge in den Gefässen versteift sich der Penis.

Veränderung von Blutgefässen

Die häufigste Ursache für eine erektile Dysfunktion sind Veränderungen der Blutgefässe, die mit zunehmendem Alter auftreten. Die erektile Dysfunktion wird häufig durch eine endotheliale Dysfunktion ausgelöst. Darunter versteht man eine Funktionsstörung der innersten Schicht in den Blutgefässen, die durch oxidativen Stress und Stickstoffmonoxyd-Mangel entsteht. Die Entwicklung einer endothelialen Dysfunktion wird durch Übergewicht, Nikotinkonsum, Diabetes und Bluthochdruck begünstigt. Sie ist im Anfangsstadium reversibel, führt aber beim Fortbestehen zu einer Gefässverkalkung, einer Arteriosklerose. Von der endothelialen Dysfunktion sind alle Arterien des Körpers betroffen. Die dünnsten Arterien (Penisgefässe, Koronargefässe) werden wegen des kleinen Lumens zuerst geschädigt: Durch Cholesterin und Fettkristalle der Arteriosklerose werden die kleinen Gefässe schneller verschlossen. «Die erektile Dysfunktion ist auf jeden Fall ein Warnsignal für Veränderungen von Blutgefässen im ganzen Körper», betont Peter Jürg Karrer. «Sie muss deshalb ernst genommen und weiter abgeklärt werden.» Eine genaue Anamnese, Blutdruckmessung und Laboruntersuchungen sind notwendig, bevor ein Potenzmittel verschrieben wird. Gelegentlich überweist Karrer Patienten an den Kardiologen, um die Funktion der Herzkranzgefässe zu überprüfen.

Risikofaktoren minimieren

Vor einer Behandlung sollten die Risikofaktoren, welche die Erektionsstörungen auslösen können, erkannt werden, damit diese Faktoren minimiert werden können, so etwa Blutzuckereinstellung und Bluthochdruckbehandlung. Zur Diagnostik gehört eine genaue Befragung, gefolgt von einer gründlichen körperlichen Untersuchung sowie der Bestimmung von metabolischen und hormonellen Blutwerten. Heutzutage rückt eine invasive Diagnostik immer mehr in den Hintergrund. Grundsätzlich gilt es, wie erwähnt, beeinflussbare Risikofaktoren zu minimieren. Je nach Ursache gibt es verschiedene Therapieansätze. So können Medikamente verschrieben werden, die oral eingenommen werden, was bei bestimmten Herzbeschwerden allerdings nicht möglich ist, oder Medikamente zur Selbstinjektion in den Schwellkörper des Penis. Die Implantation von Schwellkörperprothesen ist teuer und nicht krankenkassenpflichtig. Bei psychischen Ursachen hilft unter Umständen eine Psychotherapie weiter.