Herr Ljutow, Sie betonen, eine wirkungsvolle Schmerztherapie müsse im Team angegangen werden. Daran beteiligt sind die Disziplinen Medizin, Physiotherapie und Psychotherapie. Weshalb setzen Sie auf diesen Ansatz?

Chronische Schmerzen bestehen in der Regel weiter, obwohl die organische Ursache beseitigt worden ist. Dieses Phänomen ist nur erklärbar und verständlich vor dem Hintergrund eines umfassenden Krankheitsverständnisses.

Dabei können gleichermassen Faktoren auf der biologisch-medizinischen Ebene, der emotionalen und psychischen Ebene, aber auch auf der sozialen und spirituellen Ebene beteiligt sein. Kein Spezialist kann diese Faktoren gleichermassen erkennen und bewerten, deshalb ist ein Blick von verschiedenen Seiten und der anschliessende Austausch darüber erforderlich.

Der Weg zu einer Diagnose sollte also immer im Team erfolgen, um eine nachhaltige Therapie in die Wege zu leiten. Weshalb setzen nicht alle Ärzte auf die interdisziplinäre Vorgehensweise?

Interdisziplinäres Arbeiten wird aktuell in unserem Gesundheitssystem wenig gefördert. Diese Arbeit ist anspruchsvoll, erfordert der Austausch doch einen gegenseitigen fachlichen Respekt über die Berufsgruppengrenzen hinweg. Nur so kann Kommunikation auf Augenhöhe entstehen.

Die Interdisziplinarität ist aber eine Voraussetzung für ein wirklich multimodales Arbeiten. Damit ist der koordinierte und zielgerichtete Einsatz verschiedener Therapieverfahren durch unterschiedliche Schmerzspezialisten gemeint.

Chronischer Schmerz ist gemäss Ihrer Auffassung eine eigenständige und komplexe Erkrankung. Wie kommt es dazu, dass Schmerzen von einem akuten Reiz beziehungsweise einem Warnsignal ausgehend ein solches Ausmass annehmen können?

Akuter Schmerz als Ausgangspunkt findet nicht im luftleeren Raum statt. Innerhalb von Sekunden erfährt dieser Schmerz eine komplexe Bewertung, die auf unseren Erfahrungen, unserem Charakter, unserer aktuellen Lebenssituation und Faktoren aus unserem Umfeld und der aktuellen Situation beruht.

So kann ein Ereignis bei einem Betroffenen innerhalb kurzer Zeit folgenlos bleiben, bei einer anderen Person jedoch zu anhaltenden Schmerzen führen. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Schleudertrauma.

Vor allem wenn Schmerzen chronisch werden, liege die Ursache meist woanders, betonen Sie. Sozio-psychosomatische Aspekte würden hier eine grössere Rolle im Schmerzempfinden spielen. Wie muss ich mir dies konkret vorstellen?

Es ist schwierig, bei chronischen Schmerzen von nur einer Ursache zu sprechen. Der Prozess der Chronifizierung besagt ja, dass medizinische, psychische und soziale Probleme sich wechselseitig verstärken und zu der Komplexität der Erkrankung führen.

Werden akute Schmerzen und chronische Schmerzen von den betroffenen Patienten gleich empfunden?

Ja, die Wahrnehmung dieser Schmerzen ist in der Regel nicht unterschiedlich. Sie werden meist körperlich empfunden. Daher kommt auch die ausgeprägte Suche nach körperlichen Ursachen, die in der Regel erfolglos verläuft.

Können chronische Schmerzen letztlich zu einer Depression führen, welche die Therapie zusätzlich erschwert?

Es gibt alle möglichen Konstellationen. Chronische Schmerzen können zu negativen Stimmungsveränderungen wie etwa einer Depression führen, oder sie können eine bestehende Depression verstärken.

Eine Depression kann zu einer Ausprägung von körperlichen Schmerzen führen, es können aber auch zwei voneinander unabhängige und nur mehr oder weniger zufällig gleichzeitig bestehende Gesundheitsprobleme sein.

Gesundheit definieren Sie als Kompetenz des Systems, Störungen auf beliebigen Ebenen autoregulativ zu bewältigen. Reichen Ihrer Ansicht nach bei Krankheit diese Kompetenzen nicht mehr aus? Und was bedeutet dies für die betroffenen Patienten?

Sie sprechen hier das biopsychosoziale Krankheitsmodell von Engel aus den 70er-Jahren an. Demnach ist Krankheit als eine Störung definiert, die auf der Ebene, auf der sie auftritt, nicht mehr kompensiert werden kann und sich deshalb auf Nachbarebenen ausdehnt.

Wenn Patienten dieses Modell verstehen, eröffnen sich für sie neue Behandlungsoptionen. Sie begreifen, warum neben Medikamenten und Physiotherapie auch Entspannungsverfahren, aber auch die eigenen Gedanken und Einstellungen für die Bewältigung der chronischen Schmerzen wichtig sind.

Können dank einem interdisziplinären Vorgehen sämtliche Aspekte einer Schmerzerkrankung besser erfasst werden? Und wie sieht Ihrer Ansicht nach die Zukunft der Schmerztherapie aus?

Die unterschiedlichen Aspekte, die im Einzelfall zu den chronischen Schmerzen beitragen, können nur im interdisziplinären Herangehen wirklich umfassend erarbeitet werden. Für chronische Schmerzen gibt es keinen anderen Erfolg versprechenden Weg.

Die aktuelle Organisation des Gesundheitswesens gewährleistet eine exzellente Versorgung bei akuten Gesundheitsproblemen. Nach übereinstimmender Meinung verschiedener Analysten fehlt es jedoch im Schweizer Gesundheitssystem an Strukturen für chronische Gesundheitsstörungen, nicht nur für chronische Schmerzen. Diese Probleme können am besten durch themenzentrierte interdisziplinäre Teams gelöst werden.