Weshalb wird die Diagnose systemischer Lupus erythematodes (SLE) oftmals mit grosser Verzögerung gestellt?

Dr. Steiner: Der systemische Lupus erythematodes, oder kurz Lupus, ist eine sehr heterogene Krankheit, die sich mit ganz unterschiedlichen Symptomen äussert.

Oftmals sind das sehr unspezifische Beschwerden, die auch auf andere Krankheiten hindeuten können. Bis die Diagnose Lupus endlich steht, haben die Betroffenen deshalb häufig einen langen Leidensweg und nicht selten einen regelrechten Ärztemarathon hinter sich.

Prof. Boyman:  Meist ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner für die Betroffenen. Hier ist es wichtig, dass dieser gut über die Anzeichen eines Lupus Bescheid weiss. Denn eine frühzeitige Diagnosestellung ist zentral, um Folgeschäden zu vermeiden.

Von einem Nierenbefall spürt die Patientin zu Beginn nichts, durch die jahrelange Entzündung kann die Niere jedoch schweren Schaden nehmen und im schlimmsten Fall eine Transplantation nötig machen.

Welches können mögliche Anzeichen eines systemischen Lupus erythematodes sein?

Dr. Steiner: Der Lupus kann praktisch an sämtlichen Organen und Geweben des Körpers eine Entzündung auslösen. Erste Symptome sind häufig eine starke Müdigkeit, Haut-/Schleimhautveränderungen, Lichtempfindlichkeit, Haarausfall sowie Gelenkschmerzen.

Prof. Boyman: Im Verlauf können viele Organe von Lupus befallen sein und es können mehr oder weniger starke Symptome auftreten. Auch zeigt sich manchmal ein Blutbildbefall mit schwerer Blutarmut und Verlust der Blutplättchen.

Ebenfalls können sich das Herz-, Lungen- oder Bauchfell entzünden oder psychiatrische Symptome wie Psychosen auftreten. Besonders gefürchtet sind jene Manifestationen, die keine Beschwerden verursachen und die nicht sichtbar sind.

Von einem Nierenbefall spürt die Patientin zu Beginn nichts, durch die jahrelange Entzündung kann die Niere jedoch schweren Schaden nehmen und im schlimmsten Fall eine Transplantation nötig machen.

Lupus ist eine Autoimmunerkrankung, bei welcher der Körper vom eigenen Immunsystem angegriffen wird. Was weiss man über die Ursachen?

Prof. Boyman: Die genauen Ursachen sind erst zum Teil bekannt. Die Genetik wie auch Umweltfaktoren spielen aber eine bedeutende Rolle. Zum Beispiel kann Sonnenlicht die Krankheit aktivieren.

Welche auslösenden Faktoren noch dazukommen müssen, damit die Lupus-Erkrankung tatsächlich ausbricht, ist nicht restlos geklärt. Vermutet werden Infektionen und Viren, und gewisse Medikamente können ein lupusähnliches Krankheitsbild auslösen.

Frauen sind deutlich häufiger von Lupus betroffen als Männer. Spielen also auch hormonelle Faktoren eine Rolle?

Dr. Steiner: Tatsächlich sind 90 Prozent der Betroffenen meist junge Frauen zwischen 15 und 45 Jahren. Nebst dem Geschlechtshormon Östrogen beeinflussen auch X-chromosomale Faktoren die Entwicklung eines SLE.  

Wie wird Lupus behandelt?

Dr. Steiner: So individuell wie das Krankheitsbild und der Krankheitsverlauf ist, so individuell ist auch die Therapie. Das Behandlungskonzept hängt immer davon ab, welche Organe von Lupus betroffen sind und wie aktiv die Krankheit verläuft.

Prof. Boyman: Die Standardtherapie beinhaltet Antimalariamittel und Kortison. Bei schweren Verläufen werden sogenannte Immunsuppressiva oder ein Biologikum eingesetzt. Zudem sind neue Medikamente in der Testphase und werden demnächst in einer klinischen Studie im Universitätsspital Zürich zum Einsatz kommen.  

Stichwort Forschung: Was hat sich hier in letzter Zeit getan?

Prof. Boyman: Es tut sich aktuell sehr viel in der Lupus-Forschung und neue Medikamente sind in der Entwicklung. So werden in nächster Zeit weitere Biologika den Einzug in den klinischen Alltag finden. Zudem wurde ein Medikament entwickelt, das nicht das Immunsystem unterdrückt, sondern die Fehlfunktion des Immunsystems korrigiert.

Was wäre hier der Vorteil gegenüber den bislang eingesetzten Immunsuppressiva?

Dr. Steiner: Mit Immunsuppressiva unterdrückt man das Immunsystem und damit die Entzündung. Der Nachteil dieser Medikamente ist aber, dass es die Patientinnen anfälliger für Infektionen machen kann. Mit den neuen Medikamenten versucht man, ganz gezielt das Ungleichgewicht im Immunsystem zu beeinflussen und wiederherzustellen.

Lupus ist eine Erkrankung, welche die Patientinnen ein Leben lang begleitet. Wie kann dennoch eine gute Lebensqualität erreicht werden?

Prof. Boyman: Trotz Lupus lässt sich heute ein fast normales Leben führen. Zentral ist, dass die Patientinnen optimal in einem immunologischen Zentrum betreut werden und dass die Therapie immer an die jeweilige Gesundheitssituation angepasst wird.

Dr. Steiner: Auch eine Schwangerschaft ist gut möglich, wenn der Lupus gut kontrolliert ist. Wichtig ist hier jedoch eine engmaschige Überwachung.

Mehr Infos finden Sie auf www.lupus-suisse.ch