Lysosomale Speicherkrankheiten sind ein Sammelbegriff für eine ganze Reihe an Krankheiten. Was haben sie gemein?

Die über 70 verschiedenen Krankheiten haben gemeinsam, dass dem Körper ein Enzym, also ein Eiweiss, fehlt, das ein Produkt A zu einem Produkt B abbauen kann.

In der Folge kommt es – wie der Name schon sagt – zu einer Speicherung dieses Produkts A im Körper. Das schädigt die Organe.

Gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten?

Alle diese Krankheitsformen sind sehr selten. Wir gehen von insgesamt 300 bis 350 Patienten in der Schweiz aus. Da es sich bei allen Krankheiten um Erbkrankheiten handelt, wird bei einem Befund in der Regel die ganze Familie getestet.

Es verlaufen zudem alle lysosomalen Speicherkrankheiten progressiv, was bedeutet, dass sie sich mit der Zeit verschlimmern.

Kommt es aufgrund der Seltenheit häufig zu einer verzögerten Diagnose?

In der Tat behandeln Hausärzte vielleicht ein- bis zweimal in ihrer gesamten Karriere einen Patienten mit einer lysosomalen Speicherkrankheit. Somit ist es naheliegend, dass viele Ärztinnen und Ärzte wohl zuerst an andere Ursachen als an diese denken.


Die grösste Herausforderung sind allerdings die vielfältigen Symptome.
 

Inwiefern?

Es gibt keine allgemeinen Symptome, die auf diese Krankheit hinweisen. Bei der Krankheit Morbus Pompe kommt es beispielsweise zunehmend zu Muskelschwäche, Geh- und Atmungsproblemen.

Bei Morbus Fabry können unklare Schmerzen in den Fingern und Füssen sowie Nierenprobleme ein Hinweis sein. Morbus Gaucher verursacht zunehmende Blutarmut, vergrösserte Organe und Knochenschmerzen. Dieses breite Spektrum an Symptomen macht eine zeitnahe Diagnose zur Herausforderung.

Wie lässt sich die Krankheit diagnostizieren? 

Das ist mit einer normalen Blutprobe zu machen.

In welchem Alter wird die Krankheit häufig bemerkt? 

Auch das ist unterschiedlich. Sobald das Kind zur Welt kommt, beginnt die Speicherung. Wie schnell sich Symptome bemerkbar machen, hängt wesentlich davon ab, wie schwerwiegend der Defekt ist.

Arbeitet das Eiweiss ein bisschen und kann das Produkt A somit zumindest teilweise abbauen, wird es länger dauern, bis sich die Folgeschäden bemerkbar machen, als wenn das Enzym überhaupt nicht arbeitet. 

Inwiefern schränkt die Krankheit den Alltag der Patienten ein?

Das eine sind die spürbaren Symptome, wie etwa bei Morbus Fabry brennende Hände oder Füsse. Schwerwiegender sind jedoch die Organschädigungen, die durch die Speicherungen im Herz, dem Gehirn und den Nieren verursacht werden.

Die sukzessive Schädigung der Organe kann zu  Nierenerkrankungen, Herzschwäche oder Schlaganfällen und so schliesslich auch zum Tod führen. 

Inwiefern lassen sich lysosomale Speicherkrankheiten behandeln? 

Es gibt verschiedene Ansätze. So kann für einige Krankheiten das fehlende Enzym etwa biotechnologisch hergestellt und dem Patienten regelmässig als Infusion verabreicht werden. Bei einzelnen Krankheiten kann eine Knochenmarkstransplantation den korrekten Abbau des Produkts A in das Produkt B wiederherstellen.

Eine dritte Variante besteht darin, mit entsprechenden Medikamenten das defekte Eiweiss leicht zu modifizieren, damit seine Funktion etwas stärker stimuliert wird. Dies klappt aber nicht bei allen Defekten. Die sogenannte Substratreduktionstherapie kann dafür sorgen, dass der Körper weniger vom Produkt A produziert.

Ganz allgemein gilt jedoch, dass ein früher Therapiebeginn extrem wichtig ist, damit der Körper möglichst wenig Speichermaterial ansammeln kann.

Alle Therapieformen können die Krankheit leider nicht heilen, aber so weit modifizieren, dass eine gute respektive gesteigerte Lebensqualität und eine gegenüber nicht Behandelten längere Lebensdauer vorliegt.

Gibt es Gründe, die Krankheit nicht zu behandeln?

Die gibt es tatsächlich. Wenn die Krankheit zwar diagnostiziert, dabei aber festgestellt wird, dass das Enzym noch tüchtig genug arbeitet, braucht es keine Therapie.

Entsprechend gibt es etliche Patienten, die zwar jährlich kontrolliert, aber nicht therapiert werden. Bei einer bereits weit fortgeschrittenen Symptomatik bei Diagnosestellung sind manchmal die Kriterien zum Therapiebeginn nicht mehr erfüllt.

Wer entscheidet, was «genug» Aktivität ist? 

Hier gibt es klare Guidelines, die festlegen, wer eine Therapie benötigt und wer nicht.

Auch deshalb ist das Monitoring der Krankheit sehr wichtig. Solange die Krankheit auf einem stabilen Niveau bleibt, ist es nicht immer indiziert, eine Therapie zu starten.

Alles auf einem Blick

Lysosomale Speicherkrankheiten ist ein Sammelbegriff für verschiedene Stoffwechselerkrankungen, welche ihren Ursprung bei unzureichend funktionierenden oder fehlerhaften Lysosomen haben. Lysosomen sind für den Abbau von körperfremden beziehungsweise nicht mehr benötigten Substanzen im Körper zuständig. Bei einer solchen Störung kommt es zur Anhäufung dieser Substanzen, die zu verschiedenen Störungen führen. Rund eines von 8000 Neugeborenen weist eine solche Krankheit auf.