Wie manifestiert sich die Erkrankung bei Kindern beziehungsweise Erwachsenen?

Bei Kindern in der Schweiz ist die Blut­armut respektive der Eisenmangel das häufigste Symptom, gefolgt von Ent­wicklungs-­ oder Wachstumsstörun­gen. Nur knapp die Hälfte der Kinder hat regelmässig Durchfall oder Bauch­schmerzen. Bei den Erwachsenen steht die Müdigkeit als Folge einer Blutarmut im Zentrum.

Auch andere so genannte «atypische» Symptome wie Völlegefühl, Aphten im Mund, Osteoporose, Mus­kelschmerzen oder auch eine depressi­ve Verstimmung wird bei Erwachsenen häufig beobachtet. Bei Frauen kann es aufgrund einer unbehandelten Zöliakie zu Unfruchtbarkeit oder Frühgeburten kommen. Diese vielfältigen und variab­len Symptome erschweren die Diagno­se oft.

Wie wird die Krankheit denn diagnostiziert?

Die Diagnostik beinhaltet im Wesentlichen zwei Untersuchungen: Die Bestimmung von Zöliakie spezifischen Antikörpern im Blut und eine Magen- Darm-Spiegelung, bei der kleine Gewebeproben im Dünndarm entnommen werden.

Wodurch wird die Unverträglichkeit ausgelöst?

Die betroffenen Patientinnen und Patienten weisen eine spezifische genetische Veranlagung auf, die dazu führt, dass es nach der Einnahme von Gluten, einem Getreideeiweiss, zu einer Autoimmunreaktion gegen die eigene Dünndarmschleimhaut kommt. Die sogenannten Dünndarmzotten werden geschädigt und die Aufnahme von Nährstoffen ist reduziert.

Wie viele Personen sind schätzungsweise in der Schweiz davon betroffen?

Man kann davon ausgehen, dass etwa jede hundertste Person eine Zöliakie aufweist, genauer gesagt 1:132. Leider ist die Zöliakie bei vielen Betroffenen noch nicht diagnostiziert.

Mit welchen Schwierigkeiten und Problemen haben die Patienten im Alltag zu kämpfen?

Weizen und andere glutenhaltige Getreidesorten zählen zu den wichtigen Grundnahrungsmitteln. Entsprechend schwierig ist für viele Betroffene die Verpflegung ausser Haus. Ein garantiert glutenfreies Brötchen bekommt man nicht in der Bäckerei um die Ecke. Eine andere Hürde ist auch der Einsatz von Gluten oder Weizenbestandteilen in Lebensmitteln, wo man Getreide nicht erwarten würde, zum Beispiel Vanilleglace, die Weizenfasern enthält, oder Fleisch, das im Restaurant vor dem Braten mit Mehl bestäubt wird. Aber auch Gewürze und Fertigprodukte können Gluten enthalten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten und Therapien stehen heute zur Verfügung?

Die glutenfreie Ernährung ist die einzige Therapie einer Zöliakie. Damit ist es möglich, dass sich der Dünndarm wieder vollständig erholt und die Beschwerden verschwinden.

Betroffene können also nur dann beschwerdefrei leben, wenn sie konsequent eine glutenfreie Ernährung einhalten?

Ja, das ist in der Tat so. Wichtig ist, dass auch kleinste Mengen gemieden werden. Bereits 50 Milligramm, also wenige Brotbrösmeli, können den Dünndarm wieder schädigen. Das bisschen Brot schadet doch nicht: Diese Einstellung ist für Betroffene äusserst gefährlich.

Welche Forschungsansätze zeichnen sich derzeit ab?

Es gibt verschiedene Ideen und Szenarien. So wird unter anderem an einer Art Impfung geforscht. Die ETH in Zürich arbeitet an einem «Glutenbinder»; aber auch Möglichkeiten wie Enzyme, die Gluten aufspalten und unschädlich machen können, werden derzeit erforscht. All diese Projekte stecken aber noch in den Kinderschuhen, deshalb wird in den nächsten Jahren die glutenfreie Ernährung die einzige effektive Therapie bleiben.

Bequemer Genuss trotz Zöliakie

Einfach schnell ins Wasserbad, in den Backofen oder in die Mikrowelle – Convenience Food ist praktisch und gibt es jetzt auch glutenfrei.

Fertiggerichte oder Convenience Food ist beliebt, und der Trend zu einer gesünderen Ernährung ist auch bei diesen Nahrungsmitteln zu beobachten. So verzichten manche Anbieter so weit als möglich auf Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker oder Farbstoffe. Und inzwischen gibt es Convenience Food auch für Konsumenten, die kein Gluten vertragen, also unter Zöliakie leiden. Glutenhaltig sind hauptsächlich einige Getreidearten wie Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Einkorn, Emmer und Kamut. Das Gluten kann aber auch versteckt in völlig anderen Nahrungsmittel vorkommen.

Vorsicht bei Fertiggerichten

Dies gilt erst recht für verarbeitete Lebensmittel wie zum Beispiel Fertiggerichten aller Art. Zöliakie- Betroffenen wird deshalb geraten, stets die Zutatenliste auf den Produkten zu überprüfen oder auf bestimmte Labels zu setzen. Glutenfreie Spezialprodukte sind mit dem Glutenfrei-Symbol, einer durchgestrichenen Ähre in einem Kreis, gekennzeichnet. Es gibt sie längst nicht mehr nur im Reformhaus, auch die Grossverteiler haben glutenfreie Produkte unter verschiedenen Labels im Sortiment. Zur Auswahl stehen unter anderem Pizza, Frischbackbrötchen, Lasagne, diverse Müsli, Salatsauce, Hamburger oder Mezzelune. Und sie schmecken nicht weniger gut als glutenhaltiges Convenience Food.

Marianne Siegenthaler