Selten und gefährlich sind neuroendokrine Tumore. «Die Krankheit ist möglicherweise Jahre vorhanden, ohne dass man es bemerkt», sagt Dr. med. Stettler, Leitender Arzt an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung. Weil die Krankheit so selten sei, werde sie zudem auch nicht oft vermutet. Man nimmt an, dass es in der Schweiz pro 100.000 Einwohner fünf bis sechs neue Fälle von neuroendokrinem Tumor pro Jahr gibt.

Grundsätzlich kann die Krankheit aber jeden treffen. Menschen zwischen 40 und 60 Jahren seien jedoch am häufigsten betroffen, sagt Dr. Stettler. Neuroendokrine Tumore basieren auf einem unkontrollierten Wachstum der neuroendokrinen Zellen. Diese Zellen finden sich überall im Körper, ob im Darm, in der Lunge, oder in der Bauchspeicheldrüse.

Diagnose ist eine ­Herausforderung

Wie das Krankheitsbild bei neuroendokrinen Tumoren aussieht, hängt stark von der Art des Tumors ab. Die so genannt aktiven Arten produzieren selbst Hormone. «Diese Tumore werden häufig aufgrund der Symptome bemerkt, die durch die Hormonausschüttung ausgelöst werden», erklärt Dr. Stettler. Schütte der Tumor beispielsweise Insulin aus, so führe dies zu einer ständigen Unterzuckerung, bei Glukagon zu einer Überzuckerung.

Andere Symptome von hormonproduzierenden Tumoren können Durchfall oder Hitzewallungen sein. «Bei Tumoren, die keine Hormone ausschütten wird die Krankheit oft erst erkannt, wenn sie schon relativ gross sind und schon Ableger gebildet haben», sagt Dr. Stettler. Diese Tumoren finde man dann auch eher zufällig.

Häufig würden Computertomografien und MRI nicht deswegen gemacht, weil ein Verdacht auf neuroendokrine Tumoren bestehe, sondern weil der Patient beispielsweise Schmerzen im Bauch oder der Leber habe. Dr. Stettler rät davon ab, sich routinemässig in die Röhre zu legen, ohne ernsthafte Beschwerden zu haben. Dafür sei es bei chronischem Magen- und Darmerkrankungen wie ständigem Durchfall und Blähungsgefühlen umso wichtiger, schnell zu handeln.

Behandlung wird immer besser

«Der erste Schritt ist, wenn immer möglich, die Operation», sagt Dr. Stettler. Haben sich noch keine Ableger gebildet, so kann der Patient bei einer vollständigen Entfernung des Tumors geheilt werden. Der zweite Schritt beinhaltet die medikamentöse Behandlung. Die Medikamente blockieren die Tumorzellen und hindern sie somit am Wachstum und an der Hormonausschüttung.

Neu ist die Nuklearmedizinische Therapie. Bei dieser werden die Tumorzellen nicht nur blockiert, sondern gezielt durch radioaktiv strahlende Substanzen lokal zerstört. In der Schweiz habe sich die Behandlung von neuroendokrinen Tumoren in den letzten zehn Jahren stark verbessert, so Dr. Stettler. Im Vergleich zu anderen Ländern würden viele Kosten durch die Krankenkasse abgedeckt, auch wenn gerade bei neueren Medikamenten häufig eine individuelle Lösung zur Kostendeckung gefunden werden müsse. Auch die Anzahl der Diagnosen habe in der Schweiz zugenommen.

Dies liege aber wahrscheinlich nicht daran, dass es mehr Menschen mit dieser Krankheit gebe, sondern dass man die Tumoren früher erkenne. Wie stark die Lebensqualität und Lebenserwartung des Patienten bei dieser Krankheit eingeschränkt ist, hängt von der Aggressivität des Tumors ab. «Es gibt aber einen beachtlichen Anteil an Patienten mit neuroendokrinen Tumoren, die damit gut leben können», so Dr. Stettler.