Beim multiplen Myelom handelt es sich um eine bösartige Tumorerkrankung, die Knochen und Knochenmark befällt. Sie entsteht aus einer Plasmazelle, die aus unterschiedlichen Gründen entartet sein kann. Das Myelom dürfe aber nicht mit Leukämie verwechselt werden, erklärt Dr. Urs Hess. Bei Leukämie finden sich vermehrt weisse Blutkörperchen im Blut, «das ist beim Myelom nicht der Fall.»

«Die Krankheit lässt sich in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen.»


Oft beginnt es mit Knochenschmerzen, meistens handelt es sich um Rückenschmerzen. «Die Diagnose Myelom wird oft nur rein zufällig gestellt», sagt Hess. Oft hätten Patienten schon jahrelang Schmerzen, bevor andere Erkrankungen ausgeschlossen und spezielle Untersuchungen letztlich zur Diagnose führen. «Verständlicherweise denkt nicht jeder Hausarzt bei einem Patienten mit Knochenschmerzen sofort an ein Myelom», so Hess. «Und nicht immer weisen dauerhafte Knochenschmerzen auf ein Myelom hin», betont Hess. Doch wenn die Knochenschmerzen nicht aufhören, können eine Computertomographie oder spezielle Blutuntersuchungen Aufschluss geben.

Die Krankheit tritt im Vergleich zu anderen Krebsarten wie Lungen- oder Hautkrebs relativ selten auf. Ein Prozent aller Krebserkrankungen und 14 Prozent aller Blutkrebserkrankungen entfallen auf das Myelom. «Die internationalen Register verzeichnen eine leichte Zunahme der Krankheit in den letzten Jahren», erklärt Hess. «In der Schweiz sprechen wir von rund 700 Neuerkrankungen pro Jahr. In unserer Klinik sehen wir etwa alle zwei Wochen einen neuen Patienten mit der Diagnose Myelom.»

Eine Frage der Zeit

Spätestens wenn die Krankheit beginnt, Organe zu befallen und zu zerstören, muss sie dringend behandelt werden. «Es ist eine Frage der Zeit, bis es so weit kommt», so Hess. Oft wird in diesem Stadium auch die Nierenfunktion beeinträchtigt. In der Regel wird dann eine Chemotherapie, oft gefolgt von einer Stammzell-Transplantation, durchgeführt. Damit gelinge es meist, die Krankheit zu stabilisieren und so stark zurück zu drängen, dass sie nicht mehr spürbar ist, so Hess.

Das Durchschnittsalter für Neuerkrankungen liegt bei 65 Jahren. «Es trifft aber immer wieder auch jüngere Menschen.» Die Risikofaktoren, die zu einer Begünstigung der Krankheit führen, sind laut Hess schwer einzugrenzen. Gewisse Chemikalien, die in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, stehen im Verdacht, sie zu begünstigen, weil, so Hess, die Krankheit Studien zufolge häufiger bei der ländlichen als bei der städtischen Bevölkerung auftritt. Auch radioaktive Strahlen könnten einen Risikofaktor darstellen, da bei Überlebenden der Hiroshima-Katastrophe eine Häufung von Myelomen festgestellt worden sei. «Da aber auch unabhängig von diesen Risikofaktoren Menschen am Myelom erkranken, muss es folglich noch andere geben, die wir noch nicht kennen», meint Hess. Nicht auszuschliessen sei schlicht eine Panne bei der Zellteilung, bei der eine Plasmazelle entartet und in der Folge ein Myelom entstehen kann. «Das kann an jedem beliebigen Tag x passieren, das ist dann einfach Schicksal.» Eine familiäre Häufung sei nur in geringem Mass bei Krankheiten der weissen Blutkörperchen festgestellt worden, insbesondere auch beim Myelom

Grosse Mengen Protein

Dem Myelom geht immer eine Anomalie bei der Verteilung der Bluteiweisse voraus. Bei der routinemässigen Blutuntersuchung beim Hausarzt könne man dies nicht feststellen, nur in einer speziellen Zusatzuntersuchung. «Doch von allen Fällen, die diese Abweichung zeigen, geht pro Jahr nur ein Prozent später in ein Myelom über», erklärt Hess. Daher sei es nicht ratsam, diese Untersuchung standardmässig oder gar als Vorsorgetest durchzuführen.
«Die Krankheit lässt sich in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen», macht Hess Betroffenen Mut. Die Nierenfunktionsstörung und die Knochenschmerzen verschwänden in der Regel während der Behandlung. Hess berichtet von einer ganz jungen Patientin, die nach heutigem Wissen als völlig geheilt gilt. Er schränkt aber ein, dass eine Heilung nicht der Normalfall ist. Ziel sei es vielmehr, diese Krankheit in eine chronische Krankheit zu überführen, mit der man 10 Jahre oder länger leben kann. Unbehandelt könne die Krankheit aber auch sehr schnell tödlich enden.

«Bis vor 15 Jahren war das Myelom eine absolut lebensbedrohliche Krankheit mit einer Lebenserwartung von etwa drei Jahren», so der Experte. Durch neue Medikamente sei es gelungen, die durchschnittliche Lebenserwartung mit der Krankheit auf mehr als das Dreifache zu steigern. In die Forschung werde sehr viel Geld investiert und es gebe neue vielversprechende Medikamente, die bereits über Studien zugänglich sind.