Auch Motorradfahrer machen Burnouts. Sie ziehen die Vorderbremse an, geben Gas und lassen den Hinterreifen durchdrehen, bis er derart heiss wird, dass er platzt. «Das beschreibt ziemlich schön, was ein Burnout in und mit einem Menschen macht. Ein Teil bremst, der andere gibt Vollgas», sagt lic. phil. Andi Zemp, Leitender Psychologe der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee.

Der chronische Löwe
Burnout ist ein Risikozustand, ein Zustand von chronischem Stress. Wer diesen nicht abbauen und sorgfältig mit seinen Ressourcen umgehen kann, wird früher oder später Auswirkungen spüren: Herzinfarkte, Depressionen, Angststörungen oder Abhängigkeiten. Frühwarnsymptome sind beispielsweise regelmässige Schlafstörungen, die sich verselbständigen. Einige Menschen sind immer krank, sobald Ferien oder Wochenenden beginnen und die Entspannung eintritt. Tinnitus, Verdauungsprobleme, Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2 sind weitere Zeichen.

«In der Steinzeit sassen wir in Höhlen, während zum Beispiel ein Löwe uns bedrohlich nahe kam. Alle Funktionen, die wir nicht zum unmittelbaren Überleben brauchten, wurden abgestellt oder eingeschränkt. Wir waren angespannt, Zucker wurde in die Muskeln transportiert, der Puls stieg, wir schwitzten und mussten entweder kämpfen oder fliehen. Heute ist das noch immer gleich, bloss die Löwen sind andere. Und das Problem bei chronischem Stress: Es kommt sofort der nächste Löwe. Wir befinden uns in einem permanenten Alarmzustand», sagt Zemp.

Risikogruppen
Burnout gibt es gleichermassen unter Männern und Frauen und in allen Berufen, von Landwirten bis zu Managern. «Wer mit Menschen zu tun hat, ist besonders gefährdet, genauso Berufe und Menschen mit einem Selbstbild von Unersetzbarkeit», sagt Zemp. «Oft betroffen sind auch Architekten oder Informatiker, Bauführer und Projektleiter, die jedes Mal etwas Neues entwerfen und neben Zeitdruck auch Leistungsdruck spüren – scheitert das Projekt, gibt es kein weiteres. Die eigenen Erwartungen und jene von anderen, manchmal auch nur vermeintliche, haben grossen Einfluss. Stärker gefährdet sind Menschen mit einer tiefen emotionalen Intelligenz, grosser Selbstunsicherheit und Konfliktscheue. Ein Risiko sind auch mangelnde tragende soziale Beziehungen: Betroffenen fehlt ein Grund, nach Hause zu gehen, weil sie nicht erwartet werden.»

Behandlungen
Die Menschen sind in Sachen Burnout heute sensibilisierter. «Mit Patienten, die Warnzeichen verstehen und sich früh genug behandeln lassen, können wir mit verhältnismässig geringem Aufwand bald viel erreichen», sagt Zemp. Doch ist ein Burnout schon zu weit fortgeschritten und gibt es eine manifeste Depression, hilft oft nur noch eine Auszeit und es braucht eine ambulante oder stationäre Behandlung. Im zweiten Fall ist die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess nicht immer einfach. Die psychische Gesunderhaltung der Mitarbeitenden wird deshalb immer mehr zum wirtschaftlichen Erfolgskriterium.