Schlafwandler sind weder mondsüchtig, noch laufen sie wie selbstverständlich auf Dächern, ohne zu fallen. Im Gegenteil, die Verletzungsrate beim Schlafwandeln ist hoch, regelmässig kommt es zu Selbst- und Fremdverletzungen, sogar mit tödlichem Ausgang. Richtig ist, dass Schlafwandler nachts unbewusst Handlungen vollziehen und am nächsten Tag nichts mehr davon wissen.

Schlafwandeln ist bei Kindern besonders häufig, man nimmt an, dass jedes fünfte Kind einmal schlafwandelt. Das Schlafwandeln verschwindet meist mit der Pubertät, bleibt aber bei 2-4% der Erwachsenen bestehen. Wie kommt es zu dem ungewöhnlichem nächtlichen Verhalten?  Heute versteht man das Schlafwandeln als Ausdruck einer Vermischung von Wach- und Schlafzustand.

Beim Schlafwandeln kommt es zu einem unvollständigen Erwachen aus dem Tiefschlaf, das Erwachen gelingt nur halb, wodurch der Schlafwandler in einem halb wachen, halb tiefschlafenden Zustand verharrt.  Dieser Zustand lässt die Kinder wach erscheinen, sie können herumlaufen, sprechen, Handlungen vollführen, wenn auch nicht der Tageszeit und der Situation entsprechend. Sie sind aber nicht wach genug, um Gefahren erkennen und adäquat handeln zu können.

Erwachsene können sogar Autofahren oder sexuelle Handlungen vollziehen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Eine ähnliche Störung aus dem Tiefschlaf ist der kindliche Pavor nocturnus, bei dem die Kinder schreiend aufwachen, panikartig wirken, ohne dass man sie beruhigen kann. Das erschreckt die Eltern mehr als die Kinder, ist aber wie das Schlafwandeln eine harmlose, meist vorübergehende Störung.

Mit Hilfe moderner Bildgebungsmethoden konnte die Vermischung von Schlaf- und Wachzustand im Gehirn sichtbar gemacht werden; bestimmte Hirnanteile sind beim Schlafwandeln wach, während andere Anteile schlafen.

Unklar bleibt, wodurch das unvollständige Erwachen genau zustande kommt. Vermutlich haben Schlafwandler ein zu schwaches Arousalsystem (Arousal=Erwachen). Ein schwaches oder noch nicht ausgereiftes Arousalsystem könnte erklären, warum Schlafwandeln bei Kindern so häufig ist und sich mit den Jahren «auswächst».

Arousalstörungen treten familiär gehäuft auf, was auf ein Zusammenspiel einer genetischen Veranlagung mit situativen Auslösefaktoren hinweist. Typische Auslöser sind störende Schafumgebung, bestimmte Medikamente, Alkohol, Schlafentzug und Fieber sowie Schlafstörungen.

Schlafwandler sind nicht im eigentlichen Sinne krank, müssen auch nicht behandelt werden, vielmehr sollten sie vor unkontrollierten, gefährlichen Handlungen geschützt werden und Auslöser vermeiden. Während einer Episode sollte man nicht zu stark mit dem Schlafwandler interagieren, dies könnte aggressives Verhalten auslösen.

Tritt das Schlafwandeln neu bei Erwachsenen oder bei älteren Menschen auf, können andere Erkrankungen wie schlafgebundene Epilepsie oder die sogenannte REM-Schlafverhaltensstörung vorliegen.

Es ist dann sehr wichtig, weiterführende Untersuchungen zu machen, weil man inzwischen weiss, dass sich neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Demenzen so ankündigen können, in etwa einem Drittel sogar als deren Erstsymptom.