Das heisst, sie trinkt regelmässig zu viel, zu oft oder zur falschen Zeit Alkohol. Rund 250 000 Personen sind alkohol­abhängig. Das Interview mit Petra Baumberger.

Die Alkoholsucht belegt Platz eins unter den Süchten. Weshalb?
Einerseits gehört Alkohol zu unserem Kulturgut und ist gesellschaftlich stark akzeptiert. Im Gegensatz zu harten Drogen wird man nicht stigmatisiert, wenn man Alkohol konsumiert. Andererseits tragen aber auch der günstige Preis und die einfache Verfügbarkeit von Alkohol fast rund um die Uhr dazu bei.

Wie macht sich eine Alkohol­sucht bei Betroffenen ­bemerkbar?
Das deutlichste Zeichen ist sicherlich der Kontrollverlust über den Alkoholkonsum. Die Betroffenen trinken oft sehr exzessiv und brauchen immer grös­sere Mengen Alkohol, um ihre Entzugserscheinungen zu lindern. Zudem kreisen die Gedanken immer mehr um den Alkohol. Der Konsum wird plötzlich wichtiger als anderes, wie etwa die Pflege von Beziehungen. Hinzu kommen oftmals sozialer Rückzug, Nachlässigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen. Daneben gibt es eine Menge Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen, innere Unruhe oder Angstzustände, welche die Betroffenen veranlassen, erneut Alkohol zu konsumieren. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass nicht alle an diesen Symptomen leiden müssen.

Gibt es für das Umfeld Warn­zeichen, die auf eine Alkoholsucht schliessen lassen?
Tatsächlich wird eine Alkoholsucht oft lange versteckt gehalten. Dennoch gibt es für das Umfeld Signale, die anzeigen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Körperliche Hinweise für Alkoholismus können etwa vermehrtes Schwitzen ohne vorangegangene Anstrengung, leichte Entzugserscheinungen wie zittrige Hände, unsicherer Gang, rötliche Augen sowie starker Alkoholgeruch in Schweiss und Atem sein. Offensichtlich sind in den meisten Fällen auch soziale Schwierigkeiten, die sich fast unvermeidlich einstellen. Dazu gehören Probleme am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft und im Freundeskreis ebenso wie die Vernachlässigung von Hobbys.

Wie soll man bei einem ­Verdacht reagieren?
Für Angehörige, Arbeitgeber oder Freunde ist es oftmals nicht einfach, den Verdacht anzusprechen. Denn die Betroffenen reagieren in der Regel sehr sensibel, verharmlosen die Situation oder blocken ganz ab. Man sollte in jedem Fall keine Vorwürfe oder Beschuldigungen machen, sondern die eigene Sorge in den Vordergrund stellen. Um sich auf ein solches Gespräch vorzubereiten, empfehle ich den Angehörigen, sich bei einer Fachstelle beraten zu lassen.

Welche Folgen hat eine Alkoholsucht für die Betroffenen?
Für die Betroffenen hat eine Alkoholsucht sowohl seelische und körperliche als auch soziale Folgen. Über 60 verschiedene Krankheiten können mit dem Konsum von Alkohol in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören zum Beispiel Lebererkrankungen, Krebs, Magen-Erkrankungen sowie Veränderung in den Nervenzellen. Die psychischen Aspekte äussern sich in Stimmungsschwankungen und depressiven Zuständen, innerer Unruhe, Angstzuständen bis hin zur Suizidgefährdung. Sehr schwierig für die Betroffenen und deren Familien ist die Stigmatisierung, die mit einer Alkoholsucht einhergeht.

Was weiss man über die ­Ursachen von Alkoholismus?
Es gibt verschiedene Faktoren, die Alkoholismus begünstigen. So spielen gewisse genetische Bedingungen eine Rolle, vor allem aber auch das soziale und das familiäre Umfeld. Sind die Eltern oder ein Elternteil Alkoholiker, so besteht für die Kinder erhöhte Gefahr, selbst einen problematischen Konsum zu entwickeln. Ein weiterer Faktor ist der Arbeitsplatz, denn in gewissen Berufsgruppen ist Alkoholismus verbreiteter. Auch Krisen und Konflikte können in eine Alkoholsucht führen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Die Therapie besteht in der Regel aus einem Alkoholentzug und einer anschlies­senden weiterführenden Behandlung. Der Entzug kann entweder stationär in einem Spital, in einer Fachklinik oder ambulant durchgeführt werden. In jedem Fall muss individuell geschaut werden, welche Therapieform dem Betroffenen und der jeweiligen Lebenssituation am besten entspricht. Wichtig ist zudem, dass nach erfolgtem Entzug ein weiterführendes stationäres oder ambulantes Angebot angenommen wird. Auch Angebote der Selbsthilfe können in dieser Phase sehr unterstützend wirken.